Die Glocken der Talkirche

>


Disposition:

1 g', 1946 Gebr. Rincker, Sinn - Gedächtnisglocke
2 a', 1602 Hans Kerle, Frankfurt - Gustav-Adolf-Glocke
3 h', 1946 Gebr. Rincker, Sinn - Reformationsglocke
4 d", 1921 F. W. Rincker, Sinn - Friedensglocke

Motiv: G-Dur ausgefüllt

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ließen die Herren von Eppstein die Talkirche am Fuße ihrer Burg im spätgotischen Stil errichten (eine dendrochronologische Untersuchung der Dachbalken ergab das Jahr 1432). Vorher stand seit dem 12. Jahrhundert an dieser Stelle eine romanische Laurentiuskapelle, die ab 1200 etwa Pfarrkirche war. 1299 wurde eine dem Hl. Georg geweihte Kapelle angebaut. Seit 1318 hatte Eppstein Stadtrechte; um den steigenden Einwohnerzahlen Rechnung zu tragen und natürlich auch ein würdiges Grab zu haben, entstand die Talkirche. Vier Altäre gab es einst. Durch die Reformation wurde die Kirche evangelisch, die Katholiken nutzten später die kleine Burgkirche. Im Dreißigjährigen Krieg diente die Talkirche französischen Truppen als Pferdestall, ein durch Unachtsamkeit beim Verheizen des Gestühls ausgelöster Brand erzwang eine Renovierung. Zu Ehren des schwedischen Königs Gustav Adolf, der in Eppstein Station gemacht haben soll, wird täglich um 10 Uhr geläutet. 1724 wurde der Lettner entfernt, der für die Herren von Eppstein ursprünglich eine eigene Pforte sowie einen überdachten Herrengang zur Burg besaß. 1901 wurde die Kirche mit neogotischen Elementen renoviert, dabei entstand das Kreuzrippengewölbe. Zuvor gab es nur ein einfaches Dach, aber ein Gewölbe war wohl ursprünglich geplant oder doch vorhanden und in den vergangenen Kriegen zerstört. Es folgten weitere Renovierungen, die letzte in den 1990ern. Die Herren von Eppstein waren übrigens eine der einflussreichsten Familien im Rhein-Main-Gebiet, unter anderem stellten sie im 13. Jahrhundert vier Mainzer Erzbischöfe, die als Reichskanzler und Kurfürsten die Geschichte des Gebiets mitbestimmten.

Das Geläut mag zwar nicht unbedingt einem Klangideal nahekommen, ich finde es dennoch sehr schön und bewundernswert - vor allem, dass neben der Gustav-Adolf-Glocke, die alle Kriege überstanden hat, eine der letzten Glocken von F. W. Rincker mit Tellerkrone sowie zwei so früh nach dem Zweiten Weltkrieg gegossene Glocken hier läuten. Glocken von 1476 und 1560 sollen schon im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen worden sein.
Der Glockenstuhl ist eine kuriose Konstruktion: Er fußt zwei Stockwerke tiefer auf den Balken über den Außenmauern der Kirche, also statisch gut durchdacht. Weiter oben ist er nicht mit dem Turm verbunden und "tanzt" daher beim Läuten der Glocken gut 20 Zentimeter in alle Richtungen. Ab und zu stößt er dabei an die Turmbalken an, dann gibt es einen kleinen Ruck durch den ganzen Turm.

Text und Videoaufzeichnungen: Manuel Härter