Predigt zur Jahreslosung 2020 (Ps 34,15) an Silvester 2019

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

Dieser bemerkenswerte Satz ist die biblische Jahreslosung für das kommende Jahr 2020. Eigentlich ist er ja völlig paradox, scheinbar widersprüchlich. Da bekennt einer uneingeschränkt, dass er glaubt, Gott vertraut, und dann fügt er hinzu, dass er es doch nicht kann, Unglaube ihn erfüllt. Ist das aber nicht genau die Erfahrung, die viele von uns kennen: Wir glauben an Gott, bekennen uns zu ihm, beten zu ihm und haben zugleich unsere Zweifel an ihm, fragen uns gar manchmal, ob es ihn wirklich gibt, er tatsächlich da und wirksam oder vielleicht doch nur menschlicher Sehnsucht und Phantasie entsprungen ist. Dann wiederum machen wir Erfahrungen oder treffen Menschen voller Gottesgewissheit und Ausstrahlung, die auch unseren eigenen Glauben beflügeln, unser Gottvertrauen bestätigen und bestärken. Es geht uns ebenso wie dem Vater im Evangelium: Wir glauben, trauen Gott etwas zu und doch auch wieder nicht. Wir beten und haben zugleich unsere Zweifel, rechnen nicht wirklich damit, dass er tut, was wir erbitten – ganz ähnlich wie jene Christen in Afrika. Sie hatten sich versammelt, um nach langer Trockenheit Gott um Regen zu bitten. Doch keiner von ihnen hatte, so die Rüge des Pfarrers, einen Regenschirm dabei. Der Vater im Evangelium hatte sicher schon ganz viel ausprobiert, nichts unversucht gelassen, um seinem kranken, von Kindheit an unter Epilepsie leidenden Sohn zu helfen, ihn von dieser verheerenden, sich seiner immer wieder unvorbereitet bemächtigenden dunklen Macht zu befreien. Nichts und niemand hatte geholfen. Selbst die Jünger Jesu, die der besorgte Vater zunächst um Hilfe gebeten hatte, vermochten nichts auszurichten. Damit war seine Zuversicht, dass überhaupt noch jemand seinem Sohn helfen, ihn gar heilen könne, gen Null geschrumpft. Wer wollte ihm das nach so vielen Enttäuschungen und Rückschlägen verdenken!? In solch verzweifelter, schier aussichtsloser Lage die Hoffnung dennoch nicht aufzugeben, erfordert wirklich enormes Durchhaltevermögen und positives Vertrauen ins Leben, in Menschen, in Gott. Ganz aufgeben kann und will er nicht: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Meist finden wir gute Gründe, warum unsere Hoffnung und unser Gottvertrauen mitunter so klein und schwach sind – einer Kerzenflamme ähnlich, die bei kräftigem Windstoß bedrohlich flackert, gar ganz auszugehen droht. Andererseits gibt es in unserem Alltag zahllose Situationen, in denen wir völlig selbstverständlich und ohne überhaupt darüber nachzudenken blind vertrauen und glauben. Wenn ich mein Auto in der Werkstatt hatte, gehe ich selbstverständlich davon aus, dass die Mechaniker alles richtig repariert, die Bremsen voll funktionsfähig sind und der Wagen wie geschmiert läuft. Wenn ich etwas im Internet bestelle, vielfach ja dann schon vorher dafür bezahle, verlasse ich mich ungeprüft darauf, dass der Verkäufer seriös ist und mir den bestellten Artikel auch tatsächlich zusendet. Bei einer OP vertraue ich dem Narkosearzt, dass er die richtige Dosis wählt und mir weder Schmerzen zumutet noch mich versehentlich ins Jenseits befördert. Im Grunde nur wenn ich glaube – also darauf vertraue, dass der Boden, auf dem ich gehe, mich trägt und hält, mir selbst zutraue, dass die Aufgabe, die ich anpacke, glücken und gelingen kann und anderen Menschen das Vertrauen entgegenbringe, dass sie es gut mit mir meinen, nur dann kann ich mein Leben freudig genießen. Nur wenn ich vertraue, Gutes erwarte, an das Positive glaube, kann ich leben, ohne mich in ständiger Angst und Sorge zu verzehren. Solches Grundvertrauen ins Leben wird bereits beim Baby grundgelegt. Die ganz frühen Erfahrungen mit der Verlässlichkeit der Bezugspersonen prägen die spätere Vertrauensfähigkeit eines Menschen. Und unser Maß an Vertrauen, unsere Sicht aufs Leben, unsere innere Haltung und Einstellung bestimmen die Brille, durch die wir die Wirklichkeit wahrnehmen und erleben. Eine Zirkusartistin sagte dieser Tage in einem Fernsehinterview, dass ihr nur dann, wenn sie sich eine schwierige artistische Darbietung zutraue und überzeugt ist, sie zu schaffen, diese auch gelinge. Sobald ihr Zweifel kämen, würde es schiefgehen. Und eine Bekannte, die schon lange vor einer Reise von der Angst vor einer möglichen Magen-Darm-Erkrankung ergriffen war und daher wochenlang vorher vorsorglich Tabletten schluckte, bekam als erste in unserer ganzen Gruppe Durchfall. Unser Glaube, unser Blick auf die Welt prägen Wirklichkeit, beeinflussen unser Leben und unsere Wahrnehmung. Unsere Gedanken haben Macht, uns zu schaden oder gut zu tun.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Dieses Paradox bleibt und gehört dazu. Die Künstlerin Ute Wengenroth hat die neue Jahreslosung in einem, wie ich finde, sehr passenden Bild umgesetzt. Ein kleines Papierschiffchen auf dem Fluss des Lebens, umgeben von schützenden Felsen auf dem Weg hinaus aufs offene, weite Meer, Sonne und Gewitter, Stille und Sturm preisgegeben, immer wieder gefährdet und bedroht, und doch getragen und genordet einem guten Ziel entgegen. Eingeritzt in einen Felsbrocken an der Küste steht das dazu passende Gebet der Fischer in der Bretagne: „Gott, gib acht auf uns, denn das Meer ist so groß und unser Boot so klein!“

Trotz aller Gefahren sind wir mit unserem Lebensschifflein unterwegs im Fluss der Zeit, begeben uns hinaus ins Weite, wagen das Leben angesichts aller Ängste und Bedenken, die dazu gehören. Mit unseren Zweifeln sind wir in allerbester Gesellschaft. Als Jesus mit seinen Jüngern einmal mit einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs war und sie in ein heftiges Unwetter hineingerieten, war die Angst der Freunde Jesu groß, er traurig über ihr mangelndes Gottvertrauen: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ (Mt 8,23ff). Als Petrus, der mutige Oberjünger Jesu, ihm einmal auf dem See laufend entgegenkommen wollte, ging er aus Angst vor dem aufkommenden Wind alsbald baden und beinahe unter (Mt 14,22ff). Obwohl seine Jüngerkollegen ihm glaubhaft versicherten, dass Jesus leben würde, vom Tode auferweckt worden sei, sie ihn mit ihren eigenen Augen gesehen hätten, konnte Thomas es nicht glauben und für wahr halten, brauchte greifbare Beweise (Joh 20,24ff). Und nicht nur er, sondern etliche Jünger hatten ihre Zweifel bei der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, wie der Evangelist Matthäus ausdrücklich am Ende seines Evangeliums erwähnt (Mt 28,17).

Selbst seine engsten Freunde und Mitarbeiter hätten also diesen Satz sagen können: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Jesus hilft seinen Leuten trotz ihrer Zweifel: Den Sturm während ihrer gemeinsamen Bootsfahrt auf dem See Genezareth stillt er. Den sinkenden Petrus packt er bei der Hand, zieht ihn aus dem Wasser, hält ihn. Den ungläubigen Thomas lässt er die Hände in seine Wundmale legen, ihn anfassen, seine Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Die zweifelnden Jünger beruft er nach seiner Auferstehung zu seinen Boten, beauftragt sie, seine gute Botschaft von der Liebe Gottes in die Welt zu tragen, Menschen zu taufen und seiner bleibenden Gegenwart gewiss zu machen. Jesus lebt mit unserem manchmal schwachen Glauben, kommt uns entgegen, bleibt von seiner Seite in Verbindung mit uns, hält uns und zu uns, geleitet unser Lebensschiff in stürmischen Zeiten wieder in ruhigere Fahrwasser, richtet uns, wenn wir die Orientierung verloren haben, erneut aus an seinem Kompass der Liebe, gibt auf unser kleines Boot acht auf dem großen, weiten Meer.

Dort gehört beides zusammen, der Glaube und der Zweifel, die große feste Zuversicht und das kleine Vertrauen. Auch dem bittenden Vater hilft Jesus, erkennt seinen kleinen Glauben, sieht sein weites, empfangsbereites Herz, erfüllt seine Bitte.

Mehr braucht es nicht zum Glauben als allein die Bereitschaft zu empfangen.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

 

 

 

Pfrn. Heike Schuffenhauer

Ev. Talkirchengemeinde Eppstein

www.talkirche.de

 

____________________________________________________

Die Jahreslosungen gibt es seit 1934. Initiator war der evangelische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller. Er gehörte zur so genannten „Bekennenden Kirche“ und wollte den Parolen des Nationalsozialismus einen Bibelvers entgegenstellen - deswegen hat er die Tradition der Jahreslosungen erfunden. Heute werden sie von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählt.