Predigt zur Jahreslosung 2019 (Ps 34,15) an Silvester 2018

Wie war Weihnachten bei Ihnen? Wie verliefen Ihre Feiertage? Ist alles gut gegangen? Konnten Sie friedlich und harmonisch miteinander feiern? Die Erwartungen sind ja gerade an Weihnachten, dem Fest der Familie und Liebe, enorm hoch. Wir kommen in der Familie zusammen, treffen uns mit unseren Lieben, wünschen uns ein paar nette, schöne Stunden miteinander. Doch wie leicht passiert es, dass meist Kleinigkeiten zu Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen führen. Das kann ein im Grunde nebensächlicher Auslöser sein – vielleicht das Essen, das einem nicht so passt, oder ein Geschenk, auf das jemand nicht so freudig wie erwartet reagiert – und ehe wir uns versehen, geraten wir aneinander und ein mitunter handfester Streit bricht aus. Der Stress der zurückliegenden Tage und Wochen steckt vielen noch in den Knochen, die Nerven liegen bei dem einen oder der anderen nach den Strapazen blank, so dass der Toleranzpegel niedrig und die Konfliktträchtigkeit hoch sind. Das Fest des Friedens droht so in der einen oder anderen Familie im geharnischten Streit zu enden. Doch natürlich passiert das nicht nur an Weihnachten. Gerade auch mitten im Alltag – zuhause, in der Schule, auf der Arbeit, in der Nachbarschaft, im Verein, in der Politik, auch in der Kirche – erleben wir es immer wieder, wie schwer es ist, gut, konstruktiv, vertrauensvoll, eben friedlich miteinander auszukommen, wir oft in unserer kleinen Welt schon am Frieden scheitern. Eine wunderbare kleine Geschichte, die ich in diesem Zusammenhang immer wieder gerne zitiere, macht das deutlich:

Wie entstehen Kriege?

Klaus:  “Vati, wie entstehen eigentlich Kriege?”
Vater:“Ja, mein Junge, die Sache ist so: Nehmen wir zum Beispiel an, England streitet sich mit Amerika über irgendetwas ...”
Mutter:  “Rede doch keinen Unsinn! England und Amerika werden sich nicht miteinander streiten.”
Vater: “Das behaupte ich ja gar nicht! Ich will doch nur ein Beispiel anführen.”
Mutter: “Mit solchem Unsinn verwirrst du dem Jungen nur den Kopf.”
Vater: “Was, ich verwirre seinen Kopf? Wenn es nach dir ginge, würde überhaupt nichts in seinen Kopf hineinkommen!”
Mutter: “Was sagst du da? Ich verbiete dir, dass du ...”
Klaus: “Danke, Vater, jetzt weiß ich, wie Kriege entstehen.”


Gewiss kennen wir alle solche Kleinkriege, die nicht mit Waffen, sondern mit Worten, im Extremfall mit Fäusten geführt werden. Gewiss seit es Menschen gibt, streiten sie miteinander – um Macht, um Ansehen, um Territorien und eben auch um Kleinigkeiten. Schon auf den allerersten Seiten der Bibel wird von so einem handfesten, sogar tödlich endenden Konflikt berichtet. Kain ist neidisch auf seinen Bruder Abel. Dessen Opfer hatte Gott freundlich angenommen, doch sein eigenes scheinbar nicht beachtet. Das macht Kain derart zornig, dass er Abel hinaus aufs Feld lockt und ihn dort kurzerhand erschlägt. Die biblischen Geschichten vom Anfang im 1. Buch Mose verdeutlichen, dass der Mensch, kaum dass es ihn gibt und er auf der Welt ist, sich widersetzt und böse handelt. Er duldet weder Gott über sich – Eva und Adam probieren von den Früchten genau jenes Baumes, von dem Gott ihnen untersagt hatte, zu essen – noch den Bruder neben sich – Kain tötet Abel aus Neid und Missgunst. So sehr sich Gott wünscht, dass wir in Liebe und Frieden zusammenleben, so wenig sind wir dazu in der Lage. Und was uns schon im Kleinen kaum gelingt, kann im Großen, im Miteinander von Nationen und ganzen Völkern erst recht kaum klappen.
Dennoch ist und bleibt Friede das erklärte Ziel Gottes für uns und unsere Welt. Folgerichtig werden wir in der Bibel immer wieder daran erinnert und dazu aufgefordert, friedlich miteinander auszukommen. Eine solche Aufforderung wurde als Jahreslosung für das vor uns liegende Jahr 2019 ausgewählt:

Suche Frieden und jage ihm nach! (Ps 34,15)

Das klingt sportlich und nach viel Anstrengung. Es erinnert mich an die noch nicht so weit verbreitete Sportart Orientierungslauf. In diesem Jahr fanden die deutschen Meisterschaften hier in unserer Region zwischen Eppstein und Hofheim statt. Die Läufer bekommen speziell angefertigte Landkarten, die völlig anders aussehen, als wir es sonst gewohnt sind. Auf diesen Karten sind Punkte eingetragen, die von den Läufern ausfindig gemacht, schnellstmöglich, d.h. querfeldein mitten durch Wald und Flur angelaufen und die jeweiligen Aufgaben erledigt werden müssen. Gewonnen hat, wer am schnellsten und besten alle Punkte abarbeitet und ans Ziel zurückkehrt. Dazu braucht es eine hervorragende Kondition und einen ebenso guten Orientierungssinn.
Beides, Energie und hilfreiche Anhaltspunkte brauchen wir auch auf unserer Suche nach dem Frieden. Wir haben ihn nicht in der Hand, nicht wie einen unverlierbaren Besitz verfügbar, sondern müssen uns immer wieder neu darum bemühen, uns für ein friedliches Miteinander einsetzen und anstrengen:


Suche Frieden und jage ihm nach! (Ps 34,15)

Für uns Christen ist die Bibel die wesentliche Landkarte und Orientierungshilfe. Ganz besonders in der Bergpredigt Jesu bekommen wir wertvolle Hinweise, wie wir erfolgreich Frieden mit uns selbst und unseren Mitmenschen finden können:

1. Respekt voreinander

Ein erster wesentlicher Punkt ist, dass wir Respekt voreinander haben, unser Gegenüber, selbst wenn er anderer Meinung ist als wir selbst, wertschätzen und achten, auch nicht mit Worten angreifen oder beleidigen. Jesus sagt dazu in der Bergpredigt:

21
  Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2. Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr (= Idiot)!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt 5)

Da wäre ja oft schon viel gewonnen und auf dem Weg zum Frieden erreicht, wenn wir uns in Konfliktsituationen in unserer Wortwahl zügeln und in unserem Tonfall zähmen würden.

2. Bereitschaft zur Versöhnung
Ein zweiter zentraler Punkt ist, dass ich bereit und willens bin, mich mit dem Menschen, mit dem ich aneinander geraten bin, wieder zu versöhnen, ihm die Hand zu reichen, ihn nicht auf seine Fehler der Vergangenheit festzulegen, sondern einen Schlussstrich zu ziehen, quasi den Reset-Knopf zu drücken und miteinander neu anzufangen. Dazu gehört, dass ich dem anderen verzeihe, ihm vergebe, was er mir angetan hat. Und vielleicht merke ich dabei, dass auch ich mich nicht immer richtig und gut verhalten habe, sondern selbst ebenfalls Fehler gemacht habe. Sie zu benennen und zuzugeben, umgekehrt um Entschuldigung zu bitten, kann neue Brücken bauen und ein Meilenstein auf dem Weg zu einem versöhnten Miteinander sein. In der Bergpredigt formuliert Jesus es folgendermaßen:

23 Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe. 25 Vertrage dich mit deinem Widersacher sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, auf dass dich der Widersacher nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.
26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast. (Mt 5)

Jesus ermahnt uns, uns möglichst schnell wieder miteinander zu vertragen und zu versöhnen, den Konflikt also nicht anstehen und weiter gären, wachsen und größere Kreise ziehen zu lassen.
An anderer Stelle in der Bibel heißt es klugerweise:

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. (Eph 4,26f)

Das schaffen wir nicht immer. Manchmal sind die Enttäuschung und Verletzung gar zu groß, so dass wir erst einmal Zeit und Abstand brauchen. Doch wie wunderbar und befreiend, wenn es schnellstmöglich gelingt, wieder aufeinander zuzugehen, sich offen auszusprechen, das Gute aneinander zu würdigen und einander zu verzeihen.

3. Bereitschaft, den Kürzeren zu ziehen

Friede wird möglich, wenn ich es schaffe, auch einmal den Kürzeren zu ziehen, nicht immer recht und das letzte Wort behalten zu wollen, sondern auch einmal nachgeben zu können, gar Gemeines mit Freundlichkeit zu erwidern. Auch das benennt Jesus in der Bergpredigt mit sehr klaren Worten:

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. (Mt 5)

Das ist natürlich noch viel mehr verlangt, als nur ein bisschen nett und freundlich zu sein. Es erfordert von mir ein Verhalten, für das ich enorm viel Kraft und Energie brauche - so wie der Orientierungsläufer Kondition -, und die ich nur aus einer anderen Quelle außerhalb meiner selbst gewinnen kann, weil mein eigener Liebesvorrat oft so klein und meine Geduld derart begrenzt sind. Als Christ kann ich mich an Gottes Liebesstrom andocken, mein Herz von seiner Güte volltanken lassen, aus himmlischen Energiequellen die nötige Kraft schöpfen, um Böses mit Gutem vergelten zu können. Doch gerade so kann ich mein Gegenüber wirkungsvoll entwaffnen, indem ich den Kreislauf des Gewohnten durchbreche, mich anders als erwartet verhalte und damit meinem Widersacher den Wind aus den Segeln nehme.

4. Feinde zu Freunden machen
Noch einen großen Schritt weiter geht die Anweisung Jesu in der Bergpredigt, uns sogar freundlich und hilfsbereit gegenüber den Menschen zu verhalten, die es nicht gut mit uns meinen:

43
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Wer seinen Feind zum Freund macht, hat keinen Grund mehr, ihn zu bekriegen, begegnet ihm auf Augenhöhe, macht Frieden möglich. Das erfordert freilich ein Höchstmaß an Herzenswärme, Offenheit, Toleranz und Menschenfreundlichkeit, die wir uns auch immer wieder nur von Gott schenken lassen können, da wir sie aus eigener Kraft kaum aufzubringen vermögen. Einen konkreten Weg, wie wir den großen Abstand zu unserem feindlichen Gegenüber überbrücken können, benennt Jesus hier:

„ … bittet für die, die euch verfolgen.“

Wenn ich für einen Menschen, der mir das Leben schwer macht, bete, ihm freundliche Gedanken schicke, ihm Gutes wünsche, verändert sich meine Haltung zu ihm, hat Friede eine Chance.
Leicht ist er nicht zu haben, der Friede, fordert unseren vollen Einsatz und stetes Training – so wie beim Orientierungslauf!

Suche Frieden und jage ihm nach! (Ps 34,15)

Doch schon kleine Schritte können viel bewirken, wie folgende ermutigende Fabel deutlich macht:

Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?“ fragte die Tannenmeise die Wildtaube. „Nichts – mehr als nichts“, gab die zur Antwort. „Dann muss ich dir eine wunderschöne Geschichte erzählen“, sagte die Meise.
„Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing, nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, zählte ich die Schneeflocken, die auf den Zweige und Nadeln meines Astes fielen und darauf hängen blieben. Genau 3.741.953 waren es. Als die 3.741.954. Flocke niederfiel – nichts mehr als nichts, wie du sagst –, brach der Ast ab.“ Damit flog die Meise davon.
Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage, sagte zu sich nach längerem Nachdenken: „Vielleicht fehlt nur eines einzigen Menschen Stimme zum Frieden der Welt?“

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Die Jahreslosungen gibt es seit 1934. Initiator war der evangelische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller. Er gehörte zur so genannten „Bekennenden Kirche“ und wollte den Parolen des Nationalsozialismus einen Bibelvers entgegenstellen - deswegen hat er die Tradition der Jahreslosungen erfunden. Heute werden sie von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählt.

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