Predigt am 31.12.2017 zur Jahreslosung 2018 (Offb 21,6)

Ein weiteres Jahr unseres Lebens liegt hinter uns. 365 Tage, angefüllt mit vielen schönen Erfahrungen und Erlebnissen, aber für den einen oder die andere unter uns auch mit schweren, leidvollen Widerfahrnissen verbunden. So oder so und erst recht, wenn die Tage mühsam waren, hat es uns Kraft gekostet, sie zu durchschreiten. Zu leben, die täglichen Aufgaben zu bewältigen, erfordert unseren Einsatz und unsere Energie. Überall, ob zuhause, in der Familie, in der Schule, im Beruf, im Verein, in der Kirchengemeinde, selbst im Ruhestand – in nahezu jeder Lebenssituation begegnen wir Erwartungen und Herausforderungen, müssen wir Termine wahrnehmen und Dinge erledigen, Entscheidungen treffen und ihre Konsequenzen tragen, stets parat und ansprechbar sein. Die moderne Kommunikationstechnik über Internet in Echtzeit erlegt all diesen Vollzügen zudem ein rasantes Tempo auf, fordert sofort und gleich eine Antwort und Reaktion, nimmt mich rund um die Uhr in Beschlag und in die Verantwortung. Abgesehen vom Schlaf, der uns mitunter auch noch geraubt wird, gibt es in unserem Alltag nur wenige Auszeiten, in denen wir nichts tun, einfach nur so da sein, zweckfrei und selbstbestimmt leben können. Und selbst hier in der Kirche, im Gottesdienst wird es gerne gesehen, wenn ich mitsinge und mitbete, die Feier aktiv in der Gemeinschaft mitvollziehe! Das Leben kostet unsere Kraft und fordert unsere Energie. Manche Menschen merken das erst dann, wenn ihr Energiespeicher leer ist, sie ausgepumpt und restlos erschöpft, am Ende ihrer Kraft, ausgebrannt sind.

Wir brauchen Kraftquellen, an denen wir auftanken können, Erfahrungen, die uns beflügeln, Oasen, die Leib und Seele gut tun. Es sind sehr unterschiedliche Quellen, aus denen wir dabei schöpfen: Ein Partner, eine Partnerin, die oder der uns zuhört, aufbaut und den Rücken stärkt; Familie und Freunde, mit denen zusammen zu sein wohltuend ist; Musik, die zu hören uns beruhigt und entspannt; Sport und Bewegung, die uns helfen, den Kopf frei zu bekommen und unsere Gedanken zu sortieren; ein Hobby, bei dem wir abschalten und Abstand vom Alltag gewinnen können; ein Spaziergang im Wald, die Verbindung mit der Natur, die unser Herz erfreuen; ein Spiel, dem wir uns Raum und Zeit vergessend hingeben; ein Buch, dessen Lektüre uns fesselt und bewegt; ein Brief, der uns genau im richtigen Moment erreicht und die passenden Worte findet … Gewiss könnten Sie, könntet Ihr zu dieser Liste noch so Manches hinzufügen, das Ihnen gut tut und hilft, die richtige Work-Life-Balance, das für Sie passende Gleichgewicht von Tun und Lassen, Aktion und Ruhe, An- und Entspannung zu halten oder wiederzugewinnen.

Eine wunderbare Legende zeigt es uns sehr anschaulich:

Die Spannkraft

Es wird erzählt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte. Eines Tages kam ein Jäger zu ihm. Er wunderte sich, dass Johannes, ein so angesehener Mann, spielte. Er hätte doch in der Zeit viel Gutes und Wichtiges tun können. Deshalb fragte er: „Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?“

Johannes schaute ihn verwundert an. Warum sollte er nicht spielen? Warum verstand der Jäger ihn nicht? Er sagte deshalb zu ihm: „Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?“ „Das darf man nicht“, gab der Jäger zur Antwort. „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich dann einen Pfeil abschießen wollte, hätte er keine Kraft mehr.“

Johannes antwortete: „Junger Mann, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspanne und einfach spiele, dann habe ich keine Kraft mehr für eine große Anspannung, dann fehlt mir die Kraft, das zu tun, was notwendig ist und den ganzen Einsatz meiner Kräfte fordert.“

(Kurzgeschichten II von Willi Hoffsümmer / 193)


Wir brauchen Ladestationen, Zeiten des Innehaltens, an denen wir unseren leeren Akku aufladen und neue Kraft tanken können. Wir brauchen auf unserer Wanderung durchs Leben Quellen, an denen wir unseren Durst stillen und frisches Wasser schöpfen können. Unserer Sehnsucht danach kommt die neue Jahreslosung für 2018 wohltuend entgegen:

Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21,6)

Gott bietet uns an, uns zu laben und zu erquicken. In ihm haben wir eine göttliche Energiequelle, eine himmlische Tankstelle, die rund um die Uhr für alle Menschen geöffnet ist und an der wir ständig und jederzeit all das, was nur der Himmel zu schenken vermag, tanken können.

Wir können Gottes schier unermesslichen Vorrat an Liebe anzapfen. Gerade dann, wenn meine Geduld und mein Verständnis am Ende sind, kann ich sie mir von ihm neu schenken lassen. Hin und wieder schon habe ich davon Gebrauch gemacht, gerade in der Begegnung mit Menschen, die mir das Leben schwer gemacht, meinen Vorrat an Langmut aufgezehrt haben. Wie gut, dann aus anderen als nur den eigenen Liebesenergien schöpfen und sich stärken lassen zu können. Wenn uns unsere eigenen Fehler plagen, wir erkennen, etwas falsch gemacht oder entschieden, mit dem, was wir taten oder nicht taten, Schaden bewirkt zu haben, können wir Gott um Vergebung bitten, uns von seiner Gnade beschenken lassen, die Chance eines Neuanfangs empfangen. Wenn Vieles aussichtslos und deprimierend zu sein scheint, wir von Hiobsbotschaften gebeutelt werden, die Freude am Leben zu verlieren drohen, vermag Gott neue Hoffnung in uns zu wecken, uns einen Silberstreif am Horizont, einen Lichtblick mitten im dunklen Tal zu eröffnen. Wenn wir Angst haben, vor einer bestimmten Aufgabe, vor einer OP, vor dem, was kommt, dann stützt Gott unser verzagtes Herz, stärkt uns den Rücken, steht uns bei wie ein unsichtbarer Freund. Wenn wir traurig sind, sammelt Gott unsere Tränen in seinem Krug, teilt und trägt unseren Kummer und Schmerz mit uns, schenkt uns Trost und Zuversicht.

Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Gott teilt großzügig aus. Er will nur das Beste für uns, beschenkt uns mit dem, was wir gerade brauchen und uns gut tut, für unsere Seele so lebensnotwendig und wichtig ist wie Wasser für unseren Körper.
 

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Der Künstler Eberhard Münch hat ein Sinnbild zur Jahreslosung geschaffen. Im Zentrum die Quelle, das fließende, lebendige Wasser, das hinabplätschert, unablässig seine Kreise zieht auf der Wasseroberfläche, in alle Richtungen spritzt und wie an einer Scheibe abperlt. Woher das Wasser kommt, ist nicht genau dargestellt. Es scheint dem farbigen Band zu entspringen, wie durch einen Spalt aus der Fülle eines ganzen Meeres zu fließen. Der glutrote Strahl verbindet zugleich Himmel und Erde, sein rotes Leuchten ist Ausdruck der göttlichen Liebe, die sich zu uns ergießt, des Lichts, das in unseren bewegten Alltag mit all seiner Thermik, die vielleicht in den geschwungenen Linien angedeutet sein mag, hineinstrahlt. Sehr zart gezeichnet, erst auf den zweiten Blick zu erkennen, die beiden Hände, die das Wasser auffangen und so gut es geht halten. Wenn wir unterwegs sind, auf einer Wanderung in der Natur, werden uns unsere Hände zum Kelch, aus dem wir trinken und das kühle Nass genießen. Das Wasser aus der Quelle ist da, es fließt unaufhörlich, seit vielen, vielen Jahrtausenden - für uns. Gottes Angebot steht:

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Unser Beitrag ist es, auf unserer Lebenswanderung innezuhalten, die Hände zum Wasser auszustrecken, unser Herz für ihn zu öffnen, empfangsbereit zu sein, uns von Gott, den Engeln und himmlischen Mächten beschenken zu lassen, gleichsam in Kelchhaltung zu leben. Dann werden wir der Segnungen und Wunder gewahr, die Gott an uns und für uns wirkt - manchmal schon kleine Fügungen mitten im Alltag. Dann werden wir staunen, wie viele Wege und Möglichkeiten Gott findet, uns zu erfreuen und zu erfrischen. Seine Quellen und Tankstellen sind überall, nicht nur in der Kirche, sondern mitten in unserem Alltag. Das Gebet, die Verbindung mit Gott in unseren Gedanken und Herzen ist auf jeden Fall ein guter Kanal, durch den Gottes Energie zu uns fließen kann. Nutzen wir sein Angebot, zapfen seine Quelle an, laden bei ihm unseren Akku auf, schließen unser Herz an dem Seinen an, auf dass wir auch im Neuen Jahr seelisch fit bleiben und unser Bogen im richtigen Moment gut gespannt ist!

Pfarrerin Heike Schuffenhauer


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