Predigt am 31.10.2017 zum Reformationsfest - 500 Jahre Reformation

Was feiern wir heute eigentlich? Martin Luther? Die Reformation? Den Protestantismus? Uns selbst? All das gehört gewiss dazu. Doch vor allem feiern wir ein Geschehen, das damals vor rund 500 Jahren, ausgelöst durch den Wittenberger Mönch und Theologieprofessor Dr. Martin Luther, seinen Anfang nahm, das die Landkarte, die politischen und kirchlichen Gegebenheiten in Europa nachhaltig veränderte und eine Bewegung auslöste, die bis heute anhält. Grund dieser Bewegung ist die Einsicht, dass die Kirche, die Gemeinschaft der Christen in ihrer Struktur sowie Art und Weise, ihren Glauben zu leben, immer wieder der Reformation, der Veränderung und Erneuerung bedarf. Kirchliches Leben darf nicht in starren Traditionen steckenbleiben, von menschlichen Machtansprüchen und Gewinnstreben beherrscht werden, sondern muss im Geiste Jesu, im Sinne des Evangeliums in unmittelbarer Verbundenheit mit Gott und Fürsorge für die Menschen gelebt werden. Etliche Menschen vor Luther schon brachten diese Gedanken in ihre Kirche ein, gründeten Orden und Klöster, kritisierten Macht und Reichtum, lebten in Armut und Enthaltsamkeit, riskierten ihr Leben und landeten teilweise sogar auf dem Scheiterhaufen, wie etwa Girolamo Savonarola in Italien oder Jan Hus in Böhmen. Martin Luther hatte Glück. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg - damals so revolutionär wie in unserer Zeit das Internet - ermöglichte die Verbreitung von Luthers Gedanken in Windeseile an viele Menschen.

Begünstigend kam vor allem hinzu, dass Luther sowohl in der Kirche als auch in der Politik Förderer und Unterstützer fand, die ihn aus unterschiedlichen, durchaus eigennützigen Gründen, unterstützten und sich seiner Bewegung anschlossen. Allein schon, dass Kurfürst Friedrich der Weise den für vogelfrei erklärten Luther zum Schein überfallen und unerkannt auf die Wartburg bringen ließ, trug entscheidend zum Gelingen der Reformation bei, rettete ihm das Leben, so dass er weiter wirken, schreiben und predigen konnte. Luther lebte zur rechten Zeit am rechten Ort und war zudem von seiner Persönlichkeit her der richtige Mann für dieses von ihm eigentlich ungeplante Projekt „Reformation“. Er, der in den ersten Jahren seines Lebens so verzagt, von Zweifeln und Selbstvorwürfen geplagt war, sich im Kloster mit Peitschenhieben und Schlafentzug selbst peinigte, er wurde ein selbstbewusster und seines Gottes gewisser Mensch, nachdem er aufgehört hatte, sich Gottes Liebe selbst zu verdienen, sondern sie sich stattdessen einfach schenken zu lassen. Das war seine für damalige Verhältnisse revolutionäre Einsicht, dass wir uns vor Gott nicht rechtfertigen müssen, sondern so sein können wie wir sind, mit all unseren Schwächen, Zweifeln und Versäumnissen vor ihn treten, Herzen und Hände öffnen, uns von ihm vergeben, heilen, lieben lassen können. Dieser selbstverständlichen Zuwendung Gottes gewiss zu sein, bestärkt und macht Mut. Gott so selbstverständlich auf seiner Seite, als seinen Beistand zu wissen, ermutigte auch Luther, seinen Glauben an den gnädigen, menschenfreundlichen Gott vor Kaiser und Papst, vor den Größen seiner Zeit zu bekennen und zu vertreten, ungeachtet der Folgen, die dies für ihn haben könnte. Gerade in dieser Hinsicht passen die Ausführungen Jesu im heutigen Evangelium bestens und hat Luther sie beispielgebend gelebt:

26 Darum fürchtet euch nicht vor diesen Menschen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.

30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.

31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.

33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. (Mt 10,26-33)

Luther hat von Gott gesprochen, von seinem Glauben erzählt - in der Kirche, in der Universität, zuhause bei Tisch, im Gespräch mit Freunden. Wie das zugegangen sein könnte, haben wir eindrucksvoll miterlebt beim Schauspiel „Cranach malt Luther“ in der vergangenen Woche hier in der Talkirche.

Genau das ist unser Auftrag bis heute, dass wir als Christen, als Menschen des Gottvertrauens und der Christusverbundenheit Flagge zeigen, uns zu Gott bekennen, von seiner Liebe weitersagen. Die Menschen sehnen sich danach. In einer Gesellschaft, in der vor allem Leistung, Stärke, Erfolg, Gesundheit zählen, ist es befreiend, wenn wir sagen und zeigen: Da sind unsichtbare Arme, in die Du Dich fallen lassen kannst! Da ist ein himmlischer Vater, in dessen Herzen Du einen ewigen Platz hast und der Dir liebevoll verbunden ist, ungeachtet dessen, was Du leistest oder nicht! Da ist jemand, dem Du so wichtig bist, dass er sogar die Anzahl der Haare auf Deinem Kopf kennt! Da ist ein göttliches Gegenüber, das Dein Vertrauen nie enttäuscht, sondern Dir beisteht, Dir den Rücken stärkt, Deine Seele beflügelt! Diese frohe Botschaft in die Welt zu tragen und zu leben, in Worten und Taten, auch in Tönen und Klängen, ist unsere vorrangige Aufgabe als Christen und Kirche. So ist es ein schönes Zeichen, dass heute Nachmittag um 15.17 Uhr an vielen Orten in Deutschland zahlreiche Posaunenchöre, auch unserer in Eppstein, an einem öffentlichen Ort Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ spielen und hörbar hinausposaunen werden.

Das große Reformationsjubiläum hat gewiss viel Kitsch und Komisches hervorgebracht, doch auch das und vieles andere hat mit dazu beigetragen, dass Luther, Kirche und christlicher Glaube in diesem Jahr und gerade um den Reformationstag herum Thema in allen Medien sind, über theologische Fragen in Talkshows und Diskussionsrunden gesprochen wird, zahllose Veranstaltungen rund um Luther und die Reformation landauf landab stattfanden, Gott in die Öffentlichkeit und ins Gespräch brachten. Dazu gehörte hier in unserer Region beispielsweise auch der Dekanats-Konfi-Tag im September, an dem knapp 400 Konfis aus zahlreichen Gemeinden unseres Dekanats teilnahmen. Im Vorfeld hatten die Jugendlichen sich einen Ausspruch von Martin Luther ausgesucht und diesen sehr kreativ auf zwei Holzstelen gestaltet. Unsere Konfis haben mit Nägeln gearbeitet und ihren ausgewählten Lutherspruch buchstäblich geklopft:

„Viel Reichtum tröstet nicht so sehr wie ein fröhliches Herz.“

Eine der Stelen haben wir hier neben der Talkirche im Beisein von Dekan Dr. Fedler-Raupp und Herrn Heinz, Mitglied des Hessischen Landtags aus Eppstein, aufgestellt. Danach sind wir zusammen zur Viehweide gewandert und haben dort gemeinsam mit den vielen anderen Konfis eine tolle Abschlussveranstaltung mit Musik, Luther-Rap und Breakdance unter freiem Himmel erlebt. Spaziergänger blieben stehen, schauten, fragten, kamen ins Gespräch. Das Reformationsjubiläum hat auf vielfältige Weise unsere Kirche und unseren christlichen Glauben in die Öffentlichkeit gebracht. Und meine Lutherente am Badewannenrand wird mich auch weit über den heutigen Tag hinaus allabendlich an den großen, mutigen Reformator erinnern. Luther in Klein, die meistverkaufte Playmobil-Figur aller Zeiten, wird auch künftig meine Schüler beeindrucken, so dass jeder Luther mal in der Hand halten möchte. Und der Räuchermann-Luther, den ich einer lieben Freundin geschenkt habe, wird ihr auch in Zukunft oft nette Gesellschaft leisten.

Darauf wird es nun wesentlich ankommen, dass der Schwung dieses Jubiläums uns weiter beflügelt und eine Fortsetzung findet, dass wir selbstbewusst, unseres Gottes gewiss und unserer Verantwortung bewusst, als Kirche und Christen in die Zukunft gehen. Wir brauchen uns unseres Glaubens nicht zu schämen, sondern können seine Schätze im Gegenteil hilfreich in unsere Zeit und Welt einbringen. Auch wenn sich die Gestalt und Organisationsform der Kirche künftig verändern werden, bleibt es wichtig, dass wir mit der Hoffnung und Zuversicht, die Gott uns schenkt, andere anstecken, für die, die uns brauchen, da sind, jene trösten, die traurig sind, die Stimmen derer verstärken, die sich selbst nicht äußern können, Oasen eröffnen, an denen Menschen aufatmen und zur Ruhe kommen können. So sollen unsere Gemeinden gastfreundliche Orte sein, an denen alle friedliebenden Menschen willkommen sind, geachtet und wertgeschätzt werden, ein Stück Heimat finden können. Dazu werden wir noch viel mehr lernen müssen, aus den Kirchenmauern heraus, auf die Menschen zuzugehen, Ihnen zuzuhören, wahrzunehmen, was sie bewegt, gemeinsam zu suchen, was sie und uns alle voranbringt auf unserem Weg und dabei eine Sprache zu verwenden, die sie auch verstehen. Darin ist uns Luther Vorbild, der – wie er es passend formulierte – den Leuten aufs Maul schaute und die Worte seiner Bibelübersetzung entsprechend volksnah wählte. Indem wir alltagsbezogen, verständlich, nachvollziehbar von unserem Glauben erzählen, der Anker unseres Herzens ist, machen wir auch andere sprachfähig und ermutigen sie, weiterzusagen, was ihrer Seele Halt gibt. Das war ein großes Anliegen Martin Luthers, dass die Menschen die Bibel lesen und verstehen, sich selbst ein Urteil bilden, als mündige Christen ihren Glauben bekennen und bekunden können. Deshalb hat er die Bibel – nicht als erster, doch besonders gut – ins Deutsche übersetzt, sich für Schulen und Bildung eingesetzt, als Christ und Kirche gesellschaftliche Verantwortung übernommen. Indem wir als Talkirchengemeinde in diesem Jahr ein Familienzentrum für Eppstein ins Leben gerufen haben, folgen wir diesem Auftrag und setzen uns gemeinsam mit anderen ein für das Wohl von Menschen. Schließlich wird es in Zukunft ferner darauf ankommen, dass wir als Christen verschiedener Konfessionen noch besser zusammenwirken und einmütig auftreten. Darum freue ich mich, dass wir seit Jahren sowohl das Fronleichnamsfest gemeinsam feiern als auch den Reformationstag, so auch heute, in ökumenischer Gemeinschaft begehen und dabei stets das ins Zentrum rücken, was uns in unserem Glauben miteinander verbindet. Und wir werden um einer guten, friedlichen Zukunft willen den Kreis noch größer fassen, auch andere Religionen und Menschen guten Willens einbeziehen müssen, um mit vereinten Kräften ein gutes und versöhnliches Zusammenleben zu erwirken. „Das Christentum muss“, so las ich dieser Tag in einer Thesensammlung zum Reformationsjubiläum, „mit allen Religionen gemeinsam danach streben, die Vernunft zum Leuchten zu bringen, die dem Frieden dient, und Fanatismus zu bekämpfen.“ (Redaktionsteam „Christ in der Gegenwart“). Auch Luther war nicht vor Fanatismus gefeit. Seine drastischen Äußerungen, mit denen er, zumal gegen Ende seines Lebens, gegen die Juden wetterte, sind beschämend und kein Ruhmesblatt des großen Reformators. Als Christen und Kirche sollen wir im Gegenteil Diskriminierung entschieden entgegentreten und Anwalt der Würde eines jeden Menschen sein.

Liebe Schwestern und Brüder, seien wir bereit, leben und handeln wir christlich voller Gottvertrauen, leben wir auch als Katholiken, wenn es geboten ist, protestantisch, als Protestanten auch katholisch, nämlich weltumspannend, immer auch das Ganze im Blick behaltend, leben wir gemeinsam als Christen offen und dialogbereit, beherzt und fröhlich. Dann haben Gott und die Menschen ihre Freude an uns!

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
Zurück zur Übersicht