Predigt am 29.03.2018 zu 1 Kor 10, 16f an Gründonnerstag

Mit diesen wenigen Worten fasst der Apostel Paulus das Geheimnis des Abendmahles zusammen. Die beiden Verse, die wir gehört haben, sind nur ein kleiner Ausschnitt seiner ausführlichen, zwei Kapitel umfassenden Ausführungen zum Thema Abendmahl. In dem gesamten Brief an die Korinther geht Paulus auf konkrete Anfragen aus der Gemeinde ein, nimmt auf Missstände Bezug, die ihm zu Ohren gekommen sind und gibt ganz praktische Anweisungen für den gemeindlichen Alltag. Nur weil es also in Korinth u.a. auch um die Praxis der Abendmahlsfeier nicht zum Besten bestellt war, geht Paulus so ausführlich darauf ein und sind uns Gedanken und Texte zu diesem Thema aus der Feder des Apostels Paulus erhalten...

Als ersten Missstand erwähnt Paulus die Tatsache, dass in Korinth Christen gleichzeitig am Herrenmahl und an Götzenopfern, an heidnischen Opfermahlzeiten im Tempel teilnehmen. Paulus versucht den Korinthern klar zu machen, dass das eine das andere ausschließt, denn niemand kann, mit den Worten Jesu im Evangelium gesprochen, zwei Herren auf einmal dienen.

Das gilt bis heute: Wer am Tisch Jesu zu Gast ist, kann nicht gleichzeitig anderen Herren dienen, kann nicht zugleich Weltanschauungen oder Gruppierungen angehören, die z.B. die Würde des Menschen gering schätzen oder die das Heil der Welt allein durch eigene Anstrengung zu erlangen für möglich halten, sei es durch blinde Leistung und Fortschritt oder durch pure Frömmigkeit und Selbstversenkung ...

Paulus erinnert die Christen in Korinth und auch uns heute daran, dass wir im Abendmahl, indem wir das Brot brechen und aus dem Kelch trinken, Anteil bekommen an dem lebendigen Christus selbst, der sich uns schenkt, der in uns eingeht und in uns wohnen kommt, der uns auf diese Weise in innigste Gemeinschaft mit sich führt. Darum schreibt Paulus sehr eindringlich:

„Darum, meine Lieben, flieht den Götzendienst! Ich rede doch zu verständigen Leuten; beurteilt selbst, was ich sage. Der Segenskelch, über dem wir den Segen sprechen, ist der nicht die Gemeinschaft mit dem Blut Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft mit dem Blut Christi? ... Was man beim Götzenopfer opfert, das opfert man den bösen Geistern und nicht Gott. Nun will ich nicht, dass ihr Gemeinschaft mit den bösen Geistern habt. Ihr könnt nicht zugleich den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht zugleich am Tisch des Herrn Anteil haben und am Tisch der Dämonen.“ (1 Kor 10,14 ff i.A.)

Das ist der eine tiefe Sinn des Abendmahls: Es fügt uns so eng, so innig mit Christus zusammen wie sonst kaum etwas anderes. Ohne unser Zutun, einzig durch unsere Bereitschaft, uns ihm zu öffnen und ihm Raum in uns zu schenken, kommt Christus in uns wohnen, senkt sich in uns hinein, nicht um uns zu vereinnahmen, nicht um Besitz von uns zu ergreifen, sondern um uns umzuwandeln nach seinem Vorbild, um Menschen aus uns zu machen, die ihm ähnlich werden.

Der andere tiefe Sinn des Abendmahles hängt eng mit dem zweiten Missstand der Abendmahlspraxis in Korinth zusammen, den Paulus in seinem Brief beklagt: Es gibt Spaltungen innerhalb der Gemeinde und vor allem auch zwischen den wohlhabenderen und den ärmeren Gemeindegliedern, die sich gerade im Zusammenhang der Herrenmahlfeier verhängnisvoll auswirken. Zu damaligen Zeiten war nämlich das Abendmahl noch mit einem richtigen gemeinsamen Essen verbunden gewesen. Die Gemeindeglieder trafen sich zu einer vollständigen Mahlzeit, zu der jeder irgendetwas mitbrachte und beisteuerte, und in deren Verlauf dann das Abendmahl mit Brot und Wein gefeiert wurde („In gleicher Weise nahm er auch den Kelch nach dem Mahl ...“). Nun geschah das in Korinth so, dass es sich die betuchteren Gemeindeglieder leisten konnten frühzeitig und in Ruhe zusammenzukommen, ihre mitgebrachten Gaben zu genießen und zu essen, während die Ärmeren unter ihnen länger arbeiten mussten, erst viel später zu den Versammlungen kommen konnten, wenn nichts richtiges zu essen mehr da war. Für sie blieben dann lediglich das winzige Stückchen Brot und der Schluck Wein aus dem Kelch während der eigentlichen Mahlfeier übrig. Mit mehr als deutlichen Worten prangert Paulus diese Ungerechtigkeit, diesen rücksichtslosen Umgang der Gemeindeglieder miteinander an:

„Ich kann´s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zum ersten höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt (erschreckend, aber irgendwie auch tröstlich, dass es das schon damals gab...!)... Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. Denn jeder nimmt beim gemeinsamen Essen sein eigenes Mahl vorweg, und so ist der eine hungrig, der andere betrunken. Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.“  (1 Kor 11,17-22)

Unüberhörbar, wie entsetzt und aufgebracht der Apostel ist. Wie sehr widerspricht solches Verhalten der eigentlichen Bedeutung des Abendmahles. Denn der andere tiefe Sinn des Abendmahls liegt gerade darin, dass es uns miteinander zu einer Gemeinschaft zusammenfügt und untereinander in besonderer Weise verbindet. Indem wir im Abendmahl an Jesus Christus Anteil haben, das eine Brot miteinander teilen, aus einem Kelch trinken, werden wir gerade dadurch auch miteinander verbunden:

„Denn ein Brot ist´s: also sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot Anteil haben.“ (1 Kor 10,17)

Wo sonst in unserem Leben geschieht das, dass wir aus einem Kelch trinken, dass wir so eng miteinander Mahl halten, so intensiv Gemeinschaft erleben!? Im Restaurant setzen wir uns lieber an einen separaten Tisch, halten Abstand von den anderen, wollen für uns sein. Beim Abendmahl sind wir alle miteinander um einen Tisch versammelt, so nah beieinander, dass wir unseren Nachbarn, unsere Nachbarin beinahe berühren und spüren können. Was uns verbindet und zusammenhält, so unterschiedlich wir sind, ist Jesus Christus. Einer hat es einmal sehr anschaulich ausgedrückt:

„Christen sind wie Radien eines Kreises, in dessen Zentrum Christus steht: Je näher sie zu Christus kommen, desto näher kommen sie zueinander.“

Das geschieht nirgends so dicht, so intensiv wie beim Abendmahl. Das Abendmahl ist die wunderbare, wohltuende Feier unserer Gemeinschaft mit Christus und miteinander.

So gesehen geht es nicht mehr an, das Abendmahl lediglich als punktuelle Feier der individuellen, persönlichen Selbsterbauung zu betrachten, als herausragendes Ereignis, dem man je nach Bedarf hin und wieder mal beiwohnen könnte, sondern so gesehen ist das Abendmahl die zentrale Zusammenkunft, die lebenswichtige Mahlzeit der gesamten Gemeinde, eben all derer, die der Einladung folgen. Genau so wie eine Familie allmählich auseinanderbricht, wenn sie es nicht mehr schafft, sich wenigstens in gewissen Abständen einmal gemeinsam zum Essen an einen Tisch zu sitzen, genau so verliert eine Kirchengemeinde ihren inneren Zusammenhalt und Kern, wenn sie sich nicht immer wieder um den Tisch ihres Herrn versammelt, die Gemeinschaft mit ihm und miteinander pflegt und dann auch über den Sonntag hinaus im Alltag lebt.

Natürlich ist unsere Gemeinde mit ihren knapp 1700 Gliedern zu groß, um alle persönlich zu kennen und sich um alle zu kümmern. Aber zumindest an jenen, mit denen ich hier in der Kirche das Brot geteilt und aus einem Kelch getrunken habe, werde ich, wenn sie mir im Alltag begegnen, nicht achtlos vorübergehen, sie grüßen, mit einem freundlichen Wort bedenken und soweit es mir nur irgend möglich ist, an ihrem Ergehen Anteil nehmen. Darin vor allem bestand bei den ersten Christen die missionarische Kraft, die Ausstrahlung, die andere auf sie aufmerksam machte, dass sie überaus freundlich, hilfsbereit miteinander umgingen. Was damals, vor 2000 Jahren in einer noch sehr viel übersichtlicheren, ruhigeren Gesellschaft schon auffiel, wird Menschen auch und erst recht heute in unserer von kalter Anonymität und erbarmungsloser Schnelllebigkeit geprägten Zeit beeindrucken und guttun. Wie viele unserer Mitmenschen sehnen sich danach, einen Ort der Ruhe und Geborgenheit zu haben, einen Kreis von Menschen, der sie nimmt, wie sie sind, der Freud und Leid mit ihnen teilt und trägt, mit denen zusammen und gemeinsam um einen Tisch versammelt zu sein, guttut und weiterhilft.

Wie das in einer Gemeinde, in einer Gemeinschaft vom Menschen aussehen kann, verdeutlicht folgende Geschichte sehr anschaulich:

An der Jakobstraße in Paris liegt ein Bäckerladen, da kaufen viele hundert Menschen ihr Brot. Meistens ist nämlich der alte Bäcker im Laden und verkauft. Dieser alte Bäcker ist ein spaßiger Kerl. Manche sagen: Er hat einen Tick. Aber nur manche; die meisten sagen: Er ist weise, er ist menschenfreundlich. Einige sagen sogar: Er ist ein Prophet. Aber als ihm das erzählt wurde, knurrte er vor sich hin: „Dummes Zeug...“

Der alte Bäcker weiß, dass man Brot nicht nur zum Sattessen brauchen kann. Manche erfahren das erst beim Bäcker an der Jakobstraße – z.B. der Busfahrer Gérard, der einmal zufällig in den Brotladen an der Jakobstraße kam.

„Sie sehen bedrückt aus“, sagte der alte Bäcker zum Busfahrer. „Ich habe Angst um meine kleine Tochter“, antwortet Gérard. „Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom 2. Stock!“ „Wie alt?“ fragte der Bäcker. „Vier Jahre“, antwortete ihm der Busfahrer.

Da nahm der alte Bäcker ein Stück vom Brot, das auf dem Ladentisch lag, brach zwei Bissen ab und gab das eine Stück dem Busfahrer. „Essen Sie mit mir“, sagte er zu Gérard, „ich will an Sie und Ihre kleine Tochter denken.“

Der Busfahrer hatte so etwas noch nie erlebt, aber er verstand sofort, was der alte Bäcker meinte, als er ihm das Brot in die Hand gab. Und sie aßen beide ihr Brotstück und schwiegen und dachten an das Kind im Krankenhaus.

Zuerst war der Busfahrer mit dem alten Bäcker allein. Dann kam eine Frau herein. Sie hatte auf dem nahen Markt zwei Tüten Milch geholt und wollte nun eben noch Brot kaufen. Bevor sie ihren Wunsch sagen konnte, gab ihr der alte Bäcker ein kleines Stück Brot in die Hand und sagte: „Kommen Sie, essen Sie mit uns: Die Tochter dieses Herrn liegt schwer verletzt im Krankenhaus – sie ist aus dem Fenster gestürzt. Vier Jahre ist das Kind. Der Vater soll wissen, dass wir ihn nicht allein lassen.“

Und die Frau nahm das Stückchen Brot und aß mit den beiden. (Kursbuch Konfirmation S.60)

Dieser Bäcker tröstet Menschen, indem er mit ihnen gemeinsam ein Stück Brot isst. Ach möge uns das doch auch gelingen, dass wir, die wir öfter einmal ein Stück Brot gemeinsam hier in der Kirche essen, ebenso einander trösten, uns im Alltag nicht aus dem Blick verlieren, sondern aneinander Anteil geben und nehmen.

Pfarrerin Heike Schuffenhauer


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