Predigt am 28.01.2018 zu Hohes Lied 3, 1-5 im Festgottesdienst für Jubel-, Liebes- und Ehepaare

Die Liebe wollen wir heute feiern! Sie ist ein göttliches Geschenk! Denn ist es nicht wunderbar, dass Gott uns genau so mit dieser himmlischen Fähigkeit zu lieben, mit einem anderen Menschen innigst zu verschmelzen und als Mann und Frau auf diese Weise sogar neues Leben hervorzubringen, geschaffen hat? Die Liebe ist die Quelle allen Lebens. Aus seiner Liebe heraus hat Gott uns und alles, was lebt, geschaffen und uns mit dieser herrlichen Gabe der Liebe, der Freundschaft und Partnerschaft ausgestattet. Und welch riesengroßes Geschenk ist es, unter der Vielzahl der Menschen, die da so in der Weltgeschichte unterwegs sind, genau den einen zu finden, den mein Herz liebt, der wie geschaffen für mich ist, mit dem ich eins bin und mein ganzes Leben, ja am liebsten alle Ewigkeit gemeinsam verbringen möchte! Solch eine gelingende Beziehung ist eine Gnade und derart kostbar, dass sie äußerst behutsam gehegt und gepflegt werden will. Papst Franziskus gibt dazu in seinem Schreiben zu Ehe, Familie und Sexualität „Amoris laetitia – Freude an der Liebe“ (ein bemerkenswerter Titel für eine kath. Verlautbarung zu diesem Thema!) sehr alltagsnahe Tipps. Er empfiehlt die Worte „darf ich?“, „danke“ und „entschuldige“ als Schlüsselworte für Beziehungen (AL 133) und rät, den Morgen mit einem Kuss zu beginnen und sich abends zu segnen (AL 226).

Über weite Strecken ihrer Geschichte hat sich die Kirche ja nicht gerade hervorgetan mit hilfreichen Texten und Maßnahmen, die die Liebe oder gar intime Verbindung zweier Menschen fördern. Aus einer tief verwurzelten Leibfeindlichkeit heraus, die sich in der römischen Kirche noch immer auswirkt und u.a. im geforderten Zölibat der Priester zeigt, galt Sexualität als eher verpönt und einzig zum Zweck der Fortpflanzung erlaubt. Wie gut, dass Martin Luther da eine sehr viel menschenfreundlichere Einstellung hatte und diese in der Ehe mit seiner Frau Käthe, wie er einst im Kloster der Enthaltsamkeit unterworfen, frohgemut lebte! Wir Protestanten können uns jedenfalls der Liebe in jedweder Form und Kombination, so die Liebenden respektvoll, aufrichtig und sorgsam miteinander umgehen, von Herzenslust erfreuen. Und selbst in der röm. Kirche bewegt sich mittlerweile etwas in diesem weiten Themenfeld: Gerade vergangenen Sonntag hat der kath. Stadtdekan von Frankfurt, Johannes zu Eltz, angeregt, ob nicht auch in der Röm.-kath. Kirche künftig Segnungsgottesdienste für wiederverheiratete Geschiedene und gleichgeschlechtlich liebende Paare gefeiert werden könnten.

(bistumlimburg.de)

Da bin ich sehr gespannt, wie die Diskussionen verlaufen werden, ob sich dieser gute Vorschlag tatsächlich durchsetzen wird und dann auch in der kath. Kirche möglich sein wird, was wir in der ev. schon lange praktizieren.

Die Bibel geht mit dem Thema Liebe und Zweisamkeit jedenfalls äußerst natürlich und offen um. An herausragender Stelle ist hierzu ein Buch des Alten Testaments, das sog. Hohelied Salomos, zu nennen. Es ist, man weiß und glaubt es kaum, eine Sammlung höchst erotischer, bilderreicher Liebeslieder. Mann und Frau besingen darin abwechselnd ihre Liebe zueinander, ihr Verlangen nach dem/der anderen, ihr sehnsuchtsvolles Suchen und Finden. Sie preisen die Schönheit des/der Geliebten und den Liebesakt in Bildern, die der Sprache und Kultur Israels, Ägyptens, des Vorderen Orients entstammen:

Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich. Unser Lager ist grün. (Hld 1,15f)

Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. (Hld 2,2-6)

Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen… Da will ich dir meine Liebe schenken. (Hld 7,12f)

Kurze Auszüge aus 8 Kapiteln Liebesliedern inmitten der Bibel, die in Ruhe zu lesen lohnen! Unüberhörbar geht es um die echte, leibhaftige Liebe zwischen Mann und Frau. Die Frage, ob diese Sammlung höchst sinnlicher, erotischer Poesie, in der weder ein einziger religiöser Satz noch das Wort oder der Begriff „Gott“ ausdrücklich vorkommen (der Gottesname wird nur an einer Stelle abgekürzt angedeutet: 8,6), tatsächlich in die Bibel hineingehört, war sowohl unter Juden als auch Christen lange umstritten. Man behalf sich zur Rechtfertigung mit bildhaften, allegorischen Deutungen und erklärte, es ginge in der hier beschriebenen Liebe von Mann und Frau im übertragenen Sinne um die Liebe Gottes zum Volk Israel oder die Beziehung Christi zur Kirche oder die Einheit Gottes mit der Seele. So gehört das Hohelied im Judentum zu den fünf Festschriften der hebräischen Bibel und ist dem Passafest zugeordnet, weil sich im Auszug aus Ägypten, an den zu Passa erinnert wird, die Liebe Gottes zu seinem Volk in besonderer Weise gezeigt hat. Doch noch im ersten nachchristlichen Jahrhundert wurde das Lied in Wirtshäusern gesungen (Tos Sanh. XII,10), also buchstäblich als Liebeslied verstanden. Im NT wird an keiner Stelle auf das Hohelied Bezug genommen und in unseren Gottesdiensten kommt es als Lesungs- oder Predigttext leider überhaupt nie vor. Doch heute in diesem Gottesdienst, in dem wir die Liebe feiern und Gott dafür danken, passt es hervorragend! Und dem heutigen Ök. Bibelsonntag unter dem Motto „Liebe - einfach göttlich!“ liegt, für uns total passend, sogar folgender Abschnitt aus dem 3. Kapitel der biblischen Liebesliedersammlung zugrunde:

1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. 2 Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. 3 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?«

4 Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. –

5 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt noch stört, bis es ihr selbst gefällt. (Hld 3,1-5)

Sie sehnt sich nach ihm, vermisst ihn, sucht ihn in nächtlicher Einsamkeit, findet ihn, hält ihn fest, vereinigt sich mit ihm. Wer wahrhaft liebt, kennt die Sehnsucht. Wie viel Sehnsucht mussten Frauen und Männer während des Krieges aushalten, weit getrennt voneinander, in beständiger Sorge um das Wohl und Leben des Geliebten, der Geliebten? Wie sehr werden sich die vielen jungen Männer, die unter Lebensgefahr zu uns nach Deutschland geflohen sind, weil sie sich bei uns eine gute und friedliche Zukunft erhoffen, nach ihren Frauen, Freundinnen, Müttern, nach ihren Lieben sehnen? Wie sehr vermissen manche Frauen bei uns ihre Männer, weil diese so viel arbeiten oder beruflich unterwegs sind, dass sie sie kaum zu Gesicht bekommen? Wer wahrhaft liebt, sehnt die Nähe des oder der Geliebten herbei. Das ist wohl ein guter Gradmesser für die Qualität Ihrer Ehe, Ihrer Beziehung, Ihrer Freundschaft, ob Sie sich aufeinander freuen, ihn oder sie sehnsüchtig herbeiwünschen, von Herzen gerne mit Ihrer Liebsten, Ihrem Liebsten zusammen sind. Gesunde Sehnsucht ist ein Kind herzlicher Liebe. Die Affenliebe klammert, hält fest für sich, will den anderen, die andere besitzen. Wer wahrhaft liebt, lässt los, gibt den geliebten Schatz frei, für andere, für ihn selbst, und freut sich zugleich jeder Rückkehr und geteilten Zeit und Nähe.

Die Schriftstellerin Nelly Sachs, deren Geliebter in sehr jungen Jahren dem Nazi-Terror zum Opfer fiel und den sie zeitlebens schmerzlich vermisste, schreibt in ihrem Gedichtzyklus „Gebete für den toten Bräutigam“ über die Sehnsucht:

„Vielleicht aber braucht Gott die Sehnsucht,

wo sollte sonst sie auch bleiben,

sie, die mit Küssen und Tränen und Seufzern füllt,

die geheimnisvollen Räume der Luft.

Vielleicht ist sie das unsichtbare Erdreich,

daraus die glühenden Wurzeln der Sterne treiben

und die Strahlenstimme über die Felder der Trennung,

die zum Wiedersehn ruft?“

Die Sehnsucht hält Liebende miteinander verbunden über alle Trennung hinweg. Sich aufeinander zu freuen, das Wiedersehen herbeizusehnen, den oder die Ersehnte freudig zu erwarten, in die Arme zu schließen und zu herzen, ist Ausdruck liebender Zusammengehörigkeit.

Ganz bestimmt hat auch der Vater des verlorenen Sohnes im Evangelium stets auf ein Wiedersehen mit seinem geliebten Kind gehofft, immer wieder Ausschau nach ihm gehalten, ist ihm, kaum dass er ihn erspähte, entgegengerannt und hat ihn voller Dankbarkeit umarmt.

Wen ich liebe, ist mir kostbar. Seine Nähe ersehne ich.

Wie gut zu wissen, dass auch Gott Sehnsucht nach uns hat und gerne mit uns zusammen ist:

„Wie der Bräutigam sich freut über die Braut,

so freut sich dein Gott über dich.“ (Jes 62,5 EÜ)

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

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Einige Informationen zum Hohelied habe ich im Internet folgenden Beiträgen entnehmen können:

bibelwissenschaft.de/bibelkunde/altes-testament

wikipedia.Hoheslied


Hier spricht einer, der gut reden und gut zuhören kann, einer, der sowohl Gott als auch den Menschen aufmerksam zugewandt ist.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie viele Müde gibt es unter uns!? Menschen, die erschöpft, am Ende ihrer Kraft sind, unablässig atemlos im Hamsterrad ihres Lebens drehen, hochgradig in ihrem Beruf und Privatleben gefordert sind; Menschen, die von ihrer Lebensangst schier aufgezehrt werden, die keinen Fuß auf den Boden bekommen, immer wieder scheitern und aus dem Teufelskreis von Armut und Niedergeschlagenheit einfach nicht mehr herauskommen; Menschen, die so viele Schicksalsschläge erlitten haben, dass ihre Kraft und Zuversicht, trotzdem wieder aufzustehen, restlos aufgebraucht und verschwunden sind; junge Menschen, denen die Anforderungen in der Schule und in unserer leistungsorientierten Welt zu schaffen machen, die kaum mithalten können beim Lernen, die trotz allen Einsatzes immer irgendwie hinterherhinken; Menschen, die entkräftet sind, weil eine Sucht sie fest im Griff hat, sie nicht mehr selbst ihr Leben bestimmen, sondern eine unstillbare Gier sie beherrscht; Menschen, denen eine schwere Krankheit alle Energie raubt, denen die Begleiterscheinungen des Alters zu schaffen machen, denen die Freude am Leben abhandengekommen ist. So viele Müde gibt es unter uns! Und manchmal gehören wir vielleicht auch dazu, sehnen uns danach, dass das Hamsterrad einmal stillstehen möge, wir innehalten, ausruhen, neue Kraft schöpfen könnten, einer ein erlösendes Wort zu uns spräche, das uns nicht schon wieder in die Pflicht nimmt und beansprucht, sondern uns freigibt, stärkt, aufrichtet, ermutigt.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie wunderbar, wenn die Müden einen solchen Menschen haben oder finden, der genau im richtigen Moment für sie da ist, sie nicht mit klugen Ratschlägen überhäuft, sondern einfühlsam mit ihnen redet, sagt, was ihnen gut tut und ihre Seele heilt. Wichtigste Voraussetzung, um das Richtige zu sagen, ist richtig zuzuhören. Nur wer aufmerksam den Kummer eines anderen wahrnimmt, seine Not zu verstehen, sich in ihn und seine Situation hineinzuversetzen versucht, kann die passenden Worte finden und wirksam helfen. Nur wer nicht gleich oberflächlich urteilt, nicht sofort eine vermeintlich passende Lösung parat hat, sondern wer sich einfühlt in den leidgeplagten, müden Menschen, sich Zeit nimmt für ihn, ihn reden lässt und geduldig zuhört, kann so dem anderen gut tun. Und mitunter genügt ja schon das Zuhören, dass der andere erleichtert weitergehen kann, weil er einen Teil seiner Last jemandem anvertrauen und loswerden, eine neue Perspektive auf sein Problem gewinnen, den Ansatz einer Lösung entdecken konnte. Jesus hatte so ein offenes Ohr für die Menschen, die seine Nähe suchten. Immer sprach er mit ihnen, fragte sie, was sie wollten und von ihm erwarteten. Auch wenn es noch so offensichtlich war, wie bei dem Blinden etwa, bat Jesus den jeweiligen Hilfesuchenden, seine Not zu benennen, seinen Wunsch zu äußern, seine Vision zu formulieren. Von seinem Kummer zu erzählen, tut gut. Und den Wunsch auszusprechen, dass sich die eigene Lage verbessern möge, ist zugleich Ausdruck der Hoffnung, dass dies möglich ist und nichts unabänderlich so bleiben muss, wie es ist. Reden tut gut! Wohl dem, der jemanden hat, der ihm zuhört!

In unserer Zeit, in der viele Leute nur noch mit zugestöpselten Ohren und den Blick starr auf das Display ihres Handys gerichtet unterwegs sind, sind Menschen, die andere achtsam wahrnehmen und ihnen geduldig zuhören, mittlerweile eine wahre Rarität. Gerade dieser Tage ging ein junger Mann an unserem Haus vorbei. Ich rief ihn und winkte ihm von der Treppe aus zu, doch er nahm keinerlei Notiz von mir, da er in den Ohren Stöpsel mit vermutlich lauter Musik hatte und sein Blick gedankenverloren starr geradeaus gerichtet war. Keine Chance, ihn anzusprechen, mich zu erkundigen, wie es ihm geht und was seine Sorgen machen. Also werde ich ihm mal wieder eine WhatsApp-Nachricht zuschicken und auf diese Weise Kontakt mit ihm aufnehmen. Wie viele Leute heutzutage kommunizieren überhaupt nur noch virtuell miteinander, in Kurznachrichten mit Abkürzungen und kleinen Bildchen aller Art, sind immerhin in Kontakt und doch nicht wirklich im Gespräch miteinander!? Natürlich habe auch ich mich in der Seelsorge schon mit Menschen per Mail oder WhatsApp ausgetauscht, ihnen gute Gedanken und Wünsche geschickt, an ihrem Leid Anteil genommen. Durchaus gut, dass es diese bequemen, rund um die Uhr unkompliziert möglichen Kommunikationswege gibt. Doch nichts geht über den persönlichen Kontakt, wenn ich mein Gegenüber ganzheitlich als Mensch wahrnehmen, seine Tränen sehen, ihm ein Taschentuch reichen, ihn in den Arm nehmen, behutsam mit ihm reden, vielleicht auch beten kann.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Was können müde, erschöpfte Menschen außer dem Gespräch und vertrauensvollen Austausch noch gebrauchen? Vielleicht tut ihnen manchmal auch gut, dass einer den Rücken für sie hinhält. Wenn ein einzelner von anderen, gar einer ganzen Gruppe schlecht behandelt, gemobbt wird, in der Schule z.B., dann ist es für ihn eine Befreiung, wenn jemand, vielleicht sogar einer aus der mobbenden Gruppe, sich löst, Partei für ihn ergreift, sich auf seine Seite stellt und dabei in Kauf nimmt, selbst Prügel zu beziehen und zum Opfer zu werden.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50,5f)

Wer so seinen Rücken hinhält, gar für das Recht und die Würde anderer eintritt, sich für Schwache stark macht, braucht selbst gute Rückendeckung, Menschen, die hinter ihm stehen, Gottes Beistand, der ihm den Rücken stärkt. Wer sich so schutzlos und wehrlos ausliefert, den Teufelskreis von Gewalt mit Worten und Schlägen durchbricht, indem er nicht zurückschlägt, braucht ein starkes Kreuz, das ihm Rückhalt verleiht. Der hier die biblischen Worte spricht, findet Halt und Hilfe bei Gott:

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? (Jes 50,7-9a)

Der hier spricht ist sich sicher, dass er nichts zu befürchten braucht, denn Gott steht auf seiner Seite, ist ihm nahe, tritt für sein Recht ein, hilft ihm. Der Nähe Gottes ist sich dieser Mann sicher, denn er hört ihn, hat sein Ohr gleichsam an Gottes Herz:

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. (Jes 50,4+5a)

Und weil er hellhörig ist für die Nöte seiner Mitmenschen und die Stimme Gottes, nimmt er auch jene wunderbaren göttlichen Worte wahr, die Müde ermuntern und Verzagte aufrichten und die er frohen Herzens weitersagen kann:

Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1,9)

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40,31)

Und im Evangelium lädt Jesus ein: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

Diese wunderbaren Worte können wir weitersagen, wenn wir mit Müden reden.

Aus diesen wunderbaren Worten können wir Kraft schöpfen, wenn wir selbst müde sind.

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
Hier spricht einer, der gut reden und gut zuhören kann, einer, der sowohl Gott als auch den Menschen aufmerksam zugewandt ist.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie viele Müde gibt es unter uns!? Menschen, die erschöpft, am Ende ihrer Kraft sind, unablässig atemlos im Hamsterrad ihres Lebens drehen, hochgradig in ihrem Beruf und Privatleben gefordert sind; Menschen, die von ihrer Lebensangst schier aufgezehrt werden, die keinen Fuß auf den Boden bekommen, immer wieder scheitern und aus dem Teufelskreis von Armut und Niedergeschlagenheit einfach nicht mehr herauskommen; Menschen, die so viele Schicksalsschläge erlitten haben, dass ihre Kraft und Zuversicht, trotzdem wieder aufzustehen, restlos aufgebraucht und verschwunden sind; junge Menschen, denen die Anforderungen in der Schule und in unserer leistungsorientierten Welt zu schaffen machen, die kaum mithalten können beim Lernen, die trotz allen Einsatzes immer irgendwie hinterherhinken; Menschen, die entkräftet sind, weil eine Sucht sie fest im Griff hat, sie nicht mehr selbst ihr Leben bestimmen, sondern eine unstillbare Gier sie beherrscht; Menschen, denen eine schwere Krankheit alle Energie raubt, denen die Begleiterscheinungen des Alters zu schaffen machen, denen die Freude am Leben abhandengekommen ist. So viele Müde gibt es unter uns! Und manchmal gehören wir vielleicht auch dazu, sehnen uns danach, dass das Hamsterrad einmal stillstehen möge, wir innehalten, ausruhen, neue Kraft schöpfen könnten, einer ein erlösendes Wort zu uns spräche, das uns nicht schon wieder in die Pflicht nimmt und beansprucht, sondern uns freigibt, stärkt, aufrichtet, ermutigt.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie wunderbar, wenn die Müden einen solchen Menschen haben oder finden, der genau im richtigen Moment für sie da ist, sie nicht mit klugen Ratschlägen überhäuft, sondern einfühlsam mit ihnen redet, sagt, was ihnen gut tut und ihre Seele heilt. Wichtigste Voraussetzung, um das Richtige zu sagen, ist richtig zuzuhören. Nur wer aufmerksam den Kummer eines anderen wahrnimmt, seine Not zu verstehen, sich in ihn und seine Situation hineinzuversetzen versucht, kann die passenden Worte finden und wirksam helfen. Nur wer nicht gleich oberflächlich urteilt, nicht sofort eine vermeintlich passende Lösung parat hat, sondern wer sich einfühlt in den leidgeplagten, müden Menschen, sich Zeit nimmt für ihn, ihn reden lässt und geduldig zuhört, kann so dem anderen gut tun. Und mitunter genügt ja schon das Zuhören, dass der andere erleichtert weitergehen kann, weil er einen Teil seiner Last jemandem anvertrauen und loswerden, eine neue Perspektive auf sein Problem gewinnen, den Ansatz einer Lösung entdecken konnte. Jesus hatte so ein offenes Ohr für die Menschen, die seine Nähe suchten. Immer sprach er mit ihnen, fragte sie, was sie wollten und von ihm erwarteten. Auch wenn es noch so offensichtlich war, wie bei dem Blinden etwa, bat Jesus den jeweiligen Hilfesuchenden, seine Not zu benennen, seinen Wunsch zu äußern, seine Vision zu formulieren. Von seinem Kummer zu erzählen, tut gut. Und den Wunsch auszusprechen, dass sich die eigene Lage verbessern möge, ist zugleich Ausdruck der Hoffnung, dass dies möglich ist und nichts unabänderlich so bleiben muss, wie es ist. Reden tut gut! Wohl dem, der jemanden hat, der ihm zuhört!

In unserer Zeit, in der viele Leute nur noch mit zugestöpselten Ohren und den Blick starr auf das Display ihres Handys gerichtet unterwegs sind, sind Menschen, die andere achtsam wahrnehmen und ihnen geduldig zuhören, mittlerweile eine wahre Rarität. Gerade dieser Tage ging ein junger Mann an unserem Haus vorbei. Ich rief ihn und winkte ihm von der Treppe aus zu, doch er nahm keinerlei Notiz von mir, da er in den Ohren Stöpsel mit vermutlich lauter Musik hatte und sein Blick gedankenverloren starr geradeaus gerichtet war. Keine Chance, ihn anzusprechen, mich zu erkundigen, wie es ihm geht und was seine Sorgen machen. Also werde ich ihm mal wieder eine WhatsApp-Nachricht zuschicken und auf diese Weise Kontakt mit ihm aufnehmen. Wie viele Leute heutzutage kommunizieren überhaupt nur noch virtuell miteinander, in Kurznachrichten mit Abkürzungen und kleinen Bildchen aller Art, sind immerhin in Kontakt und doch nicht wirklich im Gespräch miteinander!? Natürlich habe auch ich mich in der Seelsorge schon mit Menschen per Mail oder WhatsApp ausgetauscht, ihnen gute Gedanken und Wünsche geschickt, an ihrem Leid Anteil genommen. Durchaus gut, dass es diese bequemen, rund um die Uhr unkompliziert möglichen Kommunikationswege gibt. Doch nichts geht über den persönlichen Kontakt, wenn ich mein Gegenüber ganzheitlich als Mensch wahrnehmen, seine Tränen sehen, ihm ein Taschentuch reichen, ihn in den Arm nehmen, behutsam mit ihm reden, vielleicht auch beten kann.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Was können müde, erschöpfte Menschen außer dem Gespräch und vertrauensvollen Austausch noch gebrauchen? Vielleicht tut ihnen manchmal auch gut, dass einer den Rücken für sie hinhält. Wenn ein einzelner von anderen, gar einer ganzen Gruppe schlecht behandelt, gemobbt wird, in der Schule z.B., dann ist es für ihn eine Befreiung, wenn jemand, vielleicht sogar einer aus der mobbenden Gruppe, sich löst, Partei für ihn ergreift, sich auf seine Seite stellt und dabei in Kauf nimmt, selbst Prügel zu beziehen und zum Opfer zu werden.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50,5f)

Wer so seinen Rücken hinhält, gar für das Recht und die Würde anderer eintritt, sich für Schwache stark macht, braucht selbst gute Rückendeckung, Menschen, die hinter ihm stehen, Gottes Beistand, der ihm den Rücken stärkt. Wer sich so schutzlos und wehrlos ausliefert, den Teufelskreis von Gewalt mit Worten und Schlägen durchbricht, indem er nicht zurückschlägt, braucht ein starkes Kreuz, das ihm Rückhalt verleiht. Der hier die biblischen Worte spricht, findet Halt und Hilfe bei Gott:

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? (Jes 50,7-9a)

Der hier spricht ist sich sicher, dass er nichts zu befürchten braucht, denn Gott steht auf seiner Seite, ist ihm nahe, tritt für sein Recht ein, hilft ihm. Der Nähe Gottes ist sich dieser Mann sicher, denn er hört ihn, hat sein Ohr gleichsam an Gottes Herz:

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. (Jes 50,4+5a)

Und weil er hellhörig ist für die Nöte seiner Mitmenschen und die Stimme Gottes, nimmt er auch jene wunderbaren göttlichen Worte wahr, die Müde ermuntern und Verzagte aufrichten und die er frohen Herzens weitersagen kann:

Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1,9)

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40,31)

Und im Evangelium lädt Jesus ein: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

Diese wunderbaren Worte können wir weitersagen, wenn wir mit Müden reden.

Aus diesen wunderbaren Worten können wir Kraft schöpfen, wenn wir selbst müde sind.

Pfarrerin Heike Schuffenhauer


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