Predigt am 26.11.2017 zu Dan 12, 1 b-3 am Ewigkeitssonntag

Hinter mancher und manchem unter uns liegen schwere, Leib und Seele zutiefst belastende, traurige Zeiten. Sie haben, entweder plötzlich und unvorbereitet oder nach einer längeren Wegstrecke zwischen Hoffen und Bangen einen lieben Menschen, einen nahe stehenden Angehörigen verloren. Was dies bedeutet, den geliebten Mann oder die geliebte Frau, die Mutter oder den Vater hergeben zu müssen, sie oder ihn nie mehr leibhaftig spüren, nicht mehr mit ihm reden und sich Rat holen zu können, künftig mit einer durch nichts und niemanden zu füllenden Lücke leben zu müssen, kann aus tiefstem Herzen nur richtig nachfühlen, wer solches selbst schon erlebt hat. Wohl kein anderes Widerfahrnis schneidet so tief und schmerzlich in unser Leben und in unser Herz ein wie der Tod eines Menschen, den wir lieben und der uns viel bedeutet. Es ist wie ein Teil von uns selbst, das mit seinem Tod stirbt, das Ende eines kostbaren, einzigartigen Lebensabschnitts, den wir begraben müssen. Die Last der Trauer mag zwar mit der Zeit allmählich erträglicher werden, die Fülle der Tränen nachlassen, die Dankbarkeit für das Gewesene den Schmerz über das Verlorene nach und nach übersteigen, aber doch wird etwas bleiben, eine Spur des Kummers über den Verlust bis zu unserem eigenen Lebensende mehr oder weniger spürbar sein. Und wie mühselig ist in einer solchen Situation erst der Gedanke an die Zukunft, die ohne den geliebten Menschen zu leben noch kaum vorstellbar ist!?

Unser heutiger Bibelabschnitt, der uns für diesen Sonntag zur Verkündigung aufgetragen ist, führt uns hinein in die tödliche Krisensituation eines ganzen Volkes. Im 6. Jh. vor Christus hatte der babylonische König Nebukadnezar das Südreich Juda, den damals noch vorhandenen Rest Israels, mit Krieg überzogen, erobert, Jerusalem einschließlich des Tempels in Schutt und Asche gelegt und Teile der Bevölkerung, vor allem Angehörige der Oberschicht, ins Exil ins eigene Land verbracht. So saßen diese jüdischen Menschen nun in der Fremde, inmitten einer ganz anderen Welt und Kultur, ihrer geographischen und religiösen Heimat beraubt, gewiss auf Grund der Kriegswirren auch konfrontiert mit dem Tod von Verwandten und Freunden, in ihrem Glauben an Gott und die Zukunft zutiefst erschüttert. Schlichtweg alles war ihnen ins Wanken geraten, nichts mehr so wie vorher. Zu den nach Babylon verbannten Juden gehörte auch Daniel, dessen Stärke es war, besonders hellhörig und hellsichtig zu sein, so dass er allerlei Gesichte und Visionen erschaute, die ihm und seinen Leidensgefährten halfen, die Gegenwart zu deuten und aufbauende Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen.

Wenn es uns schlecht geht, wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen, suchen wir umso mehr nach einem Halt, klammern uns an jeden Strohhalm, um nicht vollends von der Verzweiflung verschlungen zu werden. Die Visionen des Daniel sind solche Hoffnungsbilder, solche Haltepunkte für Menschen in trauriger, deprimierender Situation. Inmitten einer seiner niedergeschriebenen Visionen heißt es im 12. Kapitel des Danielbuches:

Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen.

Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. (Dan 12,1b-3)

Die Perspektive dieser Zukunftsschau scheint weit über dieses Leben in seiner irdischen Begrenztheit hinauszugehen. Zunächst ist von großer, noch nie da gewesener Trübsal die Rede – schmerzhafteste Wehen als Ankündigung der Geburt einer gänzlich neuen Zeit. Und dann, am Ende, „zu jener Zeit“, wird das Volk Daniels, das Volk Gottes errettet werden, herausgeholt und erlöst aus aller Drangsal, „alle, die im Buch geschrieben stehen“.

Die Vorstellung eines Buches, das Gott führt und in dem die Namen der Seinen aufgezeichnet sind, findet auch an anderen Stellen der Bibel Erwähnung. Im 69. Psalm z.B. bittet ein Beter Gott darum, er möge seine Feinde und Widersacher „aus dem Buch des Lebens tilgen, dass sie nicht geschrieben stehen bei den Gerechten“ (Ps 69,29). Und im letzten Buch unserer Bibel, in der Offenbarung des Johannes, heißt es vom Seher Johannes:

„Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.“ (Offb 20,12)

Ähnlich heißt es in unserer Vision des Daniel:

Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.

Wessen Name im Buch des Lebens geschrieben steht, wer sich bewährt hat in diesem Leben, ausgezeichnet durch hilfreiches Tun, der wird zum ewigen Leben eingehen dürfen, während die anderen, die Unerwähnten, die Ausgemusterten ewige Schmach und Schande erleiden müssen. Die einen erben den Himmel, die anderen schmoren in der Hölle. Tief ist diese dereinstige Einteilung in Gute und Böse in uns verankert. Bis heute antworten Kinder auf die Frage, wie sie sich das vorstellen, was nach dem Tod kommen mag, mit den Bildern von Himmel und Hölle. Eine naheliegende, eine verständliche Perspektive, zumal aus der Sicht derer, die zu den Verlierern dieses irdischen Leben hier und jetzt gehören, die viel Demütigung und Unterdrückung, Enttäuschung und Schmerz erfahren haben, so wie die ins Ausland verbannten Israeliten damals, so wie leidgeprüfte Menschen heute. Für sie ist der Gedanke an eine ausgleichende Gerechtigkeit hilfreich und tröstlich – Hoffnung und Gutes für die, die hier eher wenig Grund zur Freude hatten, Belohnung für jene, die sich den Himmel verdient haben, sowie Buße und Höllenstrafen für die Bösen. Und natürlich teilen wir selbst schon fleißig ein, wer wohin gehört, und sind ganz sicher, dass wir selbst auf jeden Fall in den Himmel kommen werden. Ob Gott tatsächlich so einteilt wie wir, so buchhalterisch über unsere guten und bösen Taten wacht und sie genauestens schriftlich festhält, nach den gleichen Kriterien urteilt wie wir aus unserer menschlichen Sicht, oder ob sein Herz nicht doch sehr viel größer und weiter ist als wir es ihm zugestehen? Oft denke ich, dass die Hölle nur eine Erfindung von Menschen ist, um, vor allem in vergangenen Jahrhunderten ja noch viel ausgeprägter, abzuschrecken, Angst zu verbreiten, diese Aussicht pädagogisch und religiös zu missbrauchen. Wir Menschen liegen Gott doch so sehr am Herzen, sind seine Geschöpfe und Werke, die er lieb hat, zu denen er ganz treu hält, denen er immer wieder die Chance eines Neuanfangs schenkt und die er nicht auf die Fehler ihrer Vergangenheit festnagelt! Erinnern wir uns doch daran, wie Jesus von Gott erzählt, ihn uns als liebevollen, gütigen Vater vor Augen malt, der den widerspenstigen und eigensüchtigen Sohn nicht besserwisserisch verdammt, sondern voller Freude in die Arme nimmt und ein großes Fest seiner Heimkehr feiert. Wie sollte dieser Gott seine geliebten Geschöpfe in die Hölle stecken? Und bereiten wir uns nicht vielmehr selbst schon immer wieder gegenseitig mit Worten und mancherorts mit Waffen die Hölle hier und jetzt mitten auf Erden? Doch wo bleiben dann, wenn wir die Hölle, „ewige Schmach und Schande“ in Abrede stellen, so Leute wie Adolf Hitler oder Saddam Hussein, die, ohne jemals Reue dafür zu zeigen, Millionen von Menschenleben auf dem Gewissen haben? Finden sie etwa auch Aufnahme in Gottes ewigem Himmel? Fragen, die wir nicht wirklich beantworten können, weil sie sich auf eine Zukunft jenseits des uns zugänglichen Raumes beziehen, auf eine Welt jenseits des Todes, von der wir durch eine nicht zu überwindende Grenze getrennt sind. Einer hat sie überwunden und ist zurückgekehrt, hat unsere Hoffnung auf Zukunft jenseits des Todes geweckt: Jesus Christus, der uns im Evangelium zusagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Darauf dürfen wir uns allemal verlassen, sowohl im Blick auf unseren eigenen Tod als auch in Bezug auf unsere Lieben, die diese Grenze bereits überschritten haben. Wenn auch wir dort sein werden, wohin sie uns vorangegangen sind, werden wir gewiss staunen, wie alles sein wird, und wir werden überrascht sein,wer außer uns noch alles da ist. Dann werden wir auch schauen, was Daniel uns in seiner Vision anschaulich ankündigt: Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
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