Predigt am 25.12.2017 (erster Weihnachtstag) mit Bildbetrachtung

 

Hugo van der Goes: „Anbetung der Hirten“

„Kommt und seht!“ – so werden wir heute eingeladen, näherzutreten, dem Beispiel des Engels folgend das weihnachtliche Wunder zu betrachten, das Gemälde, das davon erzählt, anzuschauen, selbst an die Krippe heranzutreten und Teil des Geschehens zu werden:

 

Das Bild ist von dem flämischen Maler Hugo van der Goes um 1480 gemalt worden, trägt den Titel „Anbetung der Hirten“ und zeigt den Moment ihrer Ankunft im Stall, in dem das Jesuskind geboren wurde. Von links, mit einer Lebhaftigkeit, die fast tölpelhaft wirkt, stürzen die Hirten ins Bild. Der erste Hirte in einem grünen Wams fällt gerade auf die Knie, der neben ihm streift mit der Hand eine Art Kapuze ab und wirft dabei schon einen ersten Blick auf das Kind in der Krippe. Hinter den beiden sind zwei Personen zu sehen, die sich zu unterhalten scheinen, der eine mit den Händen gestikulierend, der andere eine Flöte spielend.

Die Dynamik der beiden Hirten, die in dieser Form eine Neuerfindung in der Malerei darstellt, entnimmt Hugo van der Goes der Bibel. Der Evangelist Lukas schreibt wörtlich von den Hirten: „So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind.“ (Lk 2,16) Dabei wird dem Betrachter durch die Hintergrundszene rechts, die vergrößert auf der rechten Klappseite der Karte dargestellt ist, der Blick dafür geöffnet, woher die Hirten herbeigeeilt kommen: Vom Feld und ihren Tieren, wo der Engel ihnen die Geburt des besonderen Gotteskindes, des Heilands verkündigt hat. Von einem hellen, strahlenden Lichtschein ist der Engel umgeben, der die Nacht zum Tag macht und die beiden Hirten schier umhaut.

Doch nicht nur von ihnen, sondern auch von den beiden Männern im Vordergrund geht Bewegung aus. Sie werden in der Forschung als Propheten beschrieben, auch wenn keine Symbole oder Zeichen zu erkennen sind, die direkt auf einen bestimmten Propheten hinweisen. Der Mann links im roten Mantel scheint auf das Geschehen im Stall zu schauen, während der rechte seinen Blick direkt auf den Betrachter des Bildes richtet. Die Verbindung zu uns stellt auch seine rechte Hand her, die er uns einladend entgegenstreckt. Beide ziehen sie einen grünen Vorhang beiseite, machen den Blick frei auf das Geschehen in der Mitte, das dadurch gleichsam auf eine Bühne gehoben und als entsprechend bedeutsam unterstrichen wird.

Diesen beiden Elementen der Bewegung stellt der Maler in der Mitte seiner Bildkomposition Momente der Ruhe und Konzentration gegenüber. Da ist Maria, eingehüllt in ein langes, blaues, faltenreiches Gewand. Rechts von der Krippe kniet Josef mit rotem Umhang und Untergewand, den Kopf gesenkt. Die Heilige Familie ist von zehn Engeln umgeben, ihre Hände verschränkt oder zum Gebet zusammengefügt. Einer der Engel, der auf der Vorderseite der Karte in Groß zu sehen ist, hält zwischen Maria und Josef von oben schützend, vielleicht auch segnend seine Flügel und Hände über das Kind. Hinter Josef, inmitten der Engelschar, sind Ochs und Esel zu erkennen. Wie die Engel sind auch Maria und Josef betend dargestellt. Folgt man der Richtung ihrer Hände, so trifft man direkt auf das Kind in der Krippe. Erst diese Handhaltung macht Jesus zum Mittelpunkt des Bildes, der – rein von der Perspektive der Fluchtlinien her gesehen – sonst bei dem Engel hinter der Krippe mit den gekreuzten Händen liegt. Ob diese Hände in Kreuzform vielleicht schon das spätere Schicksal Jesu andeuten? Gänzlich schutzlos, im Gegensatz zu seinen ansehnlich gewandeten Eltern völlig nackt und bloß, liegt es zart und zerbrechlich wie jedes Neugeborene auf dem weißen Tuch in der Futterkiste. So wie vom Himmel, scheinbar durch ein Loch im Dach des Stalles oberhalb des rechten Engelsflügels, so wie von der Aura, dem Heiligenschein um Marias Kopf, so gehen auch vom Kind feine zarte, kaum sichtbare Lichtstrahlen aus. Das neugeborene Kind ist, so schutzlos es daliegt, zugleich umgeben und getragen vom Gebet seiner Eltern sowie der Engel und himmlischen Mächte.

Hugo van der Goes hat ein Weihnachtsbild geschaffen, das eindrucksvoll Kontraste vereint – Bewegung und Ruhe, Begeisterung und Stille, Aktion und Kontemplation, Arbeit und Gebet, Geschäftigkeit und Meditation, Freude und Nachdenklichkeit, Menschen und Engel, Engel und Tiere. Mit der Spannung zwischen Bewegung und Konzentration möchte der Maler uns mit hineinnehmen in das weihnachtliche Geschehen. In der Dynamik der Hirten holt er uns ab aus unserer Betriebsamkeit und Hektik. Ähnlich wie sie in den Stall sind viele von uns gewiss auch diesmal wieder förmlich hineingestolpert in das Fest und die Feiertage, bis zuletzt am Eilen und Rennen, Organisieren und Vorbereiten, atemlos und erschöpft. Und genau so wie wir sind, dürfen wir nähertreten, ablegen, was uns beschwert, aufatmen, zur Ruhe kommen, Jesu heilsame Nähe spüren, das Weihnachtswunder betrachten und auf uns wirken lassen. Das Bild insgesamt, besonders auch die beiden Propheten am Rand lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Geschehen rund um die Krippe, bündeln unsere Blicke und Gedanken auf das Wesentliche, führen uns hin zu Jesus. Das Bild ist eine Anleitung zur Kontemplation, eine Einladung, uns den Hirten anzuschließen, an die Krippe heranzutreten und anbetend das weihnachtliche Wunder, dass Gott Mensch wird, zu bestaunen.

Besonders aufgefallen ist mir der große Besen aus Getreidehalmen im Vordergrund vor der Krippe. Er ist für mich, so betrachtet, Symbol unseres Schaffens, unserer Mühe und Arbeit, unseres Alltags. Er ruht, wird im Moment nicht gebraucht und benutzt. Denn jetzt, an diesem Geburtstag Jesu, hat Vorrang, dass wir uns Zeit nehmen für ihn, ihm, wie auch anderen, die Geburtstag feiern, unsere Zeit und Aufmerksamkeit schenken, ganz für ihn da sind. Irgendwann, vielleicht schon bald, hat Maria und Josef, hat die Hirten, hat uns der Alltag wieder, müssen wir den Besen erneut in die Hand nehmen, die Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben uns aufgibt, bewältigen. Doch vielleicht kehren wir verändert und gestärkt in den Alltag zurück, denn wir haben den Heiland gesehen, wir haben in dem Kind in der Krippe Gott selbst geschaut. In Jesus begibt Gott sich mitten hinein in unsere Welt, lebt, leidet und stirbt wie wir, um uns in den guten und schweren Zeiten unseres Lebens umso besser verstehen und nahe sein, uns auch im Sterben und Tod desto einfühlsamer begleiten zu können. Auch dafür mag das getrocknete Ährenbündel vor der Krippe, das einen weiteren Kontrast bildet zu den grünen und blühenden Pflanzen rechts und links, stehen, dass dieses Kind einst Opfer der Geltungssucht und Machtgier einiger seiner Zeitgenossen wird und qualvoll am Kreuz stirbt, um gerade dadurch den Tod zu besiegen und neues, ewiges Leben für uns alle zu erwirken. Im Evangelium kündigt Jesus seinen Weg durch den Tod ins Leben mit folgendem Vergleich an: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,24)

Hugo van der Goes hat ein sehr besonderes Weihnachtsbild geschaffen, das uns vielleicht auch mitten im Alltag einlädt, vor Jesus innezuhalten, betend und dankend in Verbindung mit ihm zu treten und zu bleiben, Oasen zum Atemholen der Seele zu finden. Der Vorhang fällt jedenfalls nie, der Weg zu ihm steht immer offen, wir können jederzeit zu ihm kommen, mitten heraus aus unseren vielen Beschäftigungen. Wir können für Momente den Besen ablegen, uns von ihm neue Kraft, Liebe und Zuversicht schenken lassen – nicht nur an Weihnachten!

(Hilfreiche Infos zum Bild verdanke ich Christof Hechtel im Materialheft „Kommt und seht“ zum Gottesdienst für den Heiligen Abend 2017, Gottesdienstinstitut Nürnberg)

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

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