Predigt mit Bildbetrachtung am Ewigkeitssonntag, 25.11.2018

Viele von uns haben es schon erlebt, dass ein Mensch, der ihnen sehr nahe und lieb war, gestorben ist. Bei den einen ist es länger her, bei den anderen noch frisch. Bei den einen starb der geliebte Mensch alt und betagt, absehbar und einsehbar. Bei den anderen wurde der Angehörige oder Freund vollkommen unerwartet und unvorbereitet von der Seite gerissen. So oder so ist der Tod eines uns sehr vertrauten Menschen wohl einer der tiefsten und schmerzlichsten Einschnitte in unserem Leben, die uns treffen können. Da ist jemand, der uns viel bedeutet, dem wir viel verdanken, mit dem uns ganz viel verbindet, einfach nicht mehr da, nicht mehr sichtbar und leibhaftig spürbar, einfach weg. Mit der Lücke, die durch niemanden und nichts wirklich ersetzt werden kann, weiterzuleben, ist schier unvorstellbar, kostet enorm viel Kraft, stürzt einen bisweilen immer wieder in Löcher der Trauer und Verzweiflung. Obwohl wir es ja wissen, dass unser Leben begrenzt ist, wir alle früher oder später sterben müssen, fällt es uns doch so unsagbar schwer, diese Tatsache zu akzeptieren, wenn es uns persönlich betrifft. Und selbst wenn der Kopf sagt, es ist gut so, der Tod war eine Erlösung für sie oder ihn, kommt das Herz doch nur so schwer nach. Mit ihrer Trauer gehen Menschen sehr verschieden um. So vielfältig wir leben, so unterschiedlich trauern wir auch. Die einen ziehen sich ganz zurück, wollen alleine sein, brauchen die Stille und Ruhe, um sich in das neue, so gänzlich veränderte Leben einzufinden. Den anderen tut es gut, unter Menschen zu sein, eine Aufgabe zu haben, Dinge zu tun und zu erleben, die ablenken und Sinn machen. Achten und wertschätzen wir einander in der Verschiedenheit unserer Trauerwege, in der Art und Weise, die nicht umsonst so genannte Trauerarbeit zu leisten. Sie ist allemal anstrengend, fordert uns ganz und gar, bündelt unseren Blick auf das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, sortiert womöglich unsere Prioritäten und mitunter auch unseren Freundeskreis neu.

Trauer, seelische Not, Verzweiflung, die kaum in Worte zu fassen und auszudrücken sind, hat Marc Chagall in seinem Bild auf bewegende und treffende Weise dargestellt. Da ist groß im Vordergrund der alte Mann. Sorgenfalten durchfurchen seine Stirn. Wer weiß, was er in den Jahrzehnten seines Lebens alles durchgemacht hat, welch schwere Zeit womöglich gerade hinter ihm liegt. Alle natürliche Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. Stattdessen erscheint es ebenso wie die Hände in grellem Grün. Viele Künstler unterlegen beim Malen die menschliche Haut mit grüner Farbe, um ihre Lebendigkeit und vielfältige Struktur besser darstellen zu können. Auf diesem Bild belässt Chagall es bei dem Grün. Der Mensch ist schier nackt, leer, entblößt, seines Halts beraubt. Weit aufgerissen sind seine Augen nach oben gerichtet, seine Hände in jüdischer Haltung betend hilfesuchend gen Himmel gehalten. Sein Mund ist geöffnet. Ob er spricht oder betet oder seufzt oder seine Not herausschreit oder mit offenem Mund sprachlos schweigt? Alles ist möglich! Vor seinem Gesicht tiefste Finsternis, die wie eine undurchdringliche Wand vor ihm schwebt. Sein Beten scheint ungehört zu verhallen, seine Augen kein Gegenüber zu finden, seine Fragen keine Antwort. Wie gut kann ich ihn verstehen! Wem Schlimmes widerfährt, wer vom Tod betroffen ist, für den sind mitunter der Himmel verschlossen, Gott unnahbar fern, sein Wirken ein einziges Rätsel. Wer mitten im Tunnel ist, kann das Licht nicht sehen, ist einfach nur von Finsternis umgeben, vermag den Lichtstreif am Horizont nicht wahrzunehmen, ist wie erstarrt und gelähmt. Dem Mann auf unserem Bild scheint es so zu gehen.
Es ist, wie Sie vielleicht schon auf der Rückseite der Karte gelesen haben, der betende Hiob, jener leidgeprüfte Mann im Alten Testament, den Chagall hier gemalt hat. Nach einem glücklichen und gelungenen Leben voller Freude und Wohlstand erreichen ihn gleich mehrere Schreckensnachrichten nacheinander, ereilt ihn ein Schicksalsschlag nach dem anderen. All seine Kinder sind durch einen Unfall, eine herabstürzende Decke zu Tode gekommen, ihn selbst plagte eine schwere Krankheit, die ihn äußerlich entstellte, und zuguterletzt verlor er noch sein gesamtes Vermögen, ertrug Leid schier unerträglichen Ausmaßes. Bis heute ist die sogenannte Hiobsbotschaft bei uns sprichwörtlich und umschreibt die Mitteilung eines überaus negativen, traurigen Geschehens. Chagall malt Hiob angesichts gleich mehrerer Hiobsbotschaften, wie er mühsam die Finsternis ertastet, Worte für das Unsagbare zu finden sucht. Ihm geht es wie uns, wenn ein schwerer Schicksalsschlag oder gar mehrere uns heimsuchen.
Rechts oben auf unserem Bild sehen wir einen kleinen Engel, einen geflügelten Boten des Himmels, einen Abgesandten Gottes. In starkem Kontrast zur Düsternis auf dem Großteil des Gemäldes erscheint er in strahlendem Weiß, im Gegensatz zu dem wie gelähmt und erstarrt dreinblickenden Hiob ist der Engel in schwungvoller Bewegung von oben geradewegs auf Hiob zu. Seine Arme breitet er weit aus, scheint geradezu zu wedeln und zu winken, als wolle er Hiob auf sich aufmerksam machen, seinen Blick in eine andere Richtung lenken, weg von der Dunkelheit neuem Licht entgegen. Doch Hiob scheint den Engel nicht wahrzunehmen. Seine Augen sind in der Finsternis gefangen, sein Herz in der Trauer schier ertrunken. Wenn wir tief traurig sind, wenn es uns schlecht geht, uns Deprimierendes widerfährt, dann sind mitunter unsere Augen wirklich wie gehalten, da starren wir wie gebannt einzig auf das Schlimme, sehen die ganze Welt nur noch durch einen dunklen Schleier, verlieren jeden Blick für das, was trotz allen Schmerzes ja doch noch gut und erfreulich ist in unserem Leben. Wohl dem, der dann so einen Engel hat wie Hiob auf unserem Bild, der hartnäckig dranbleibt, der die Finsternis durchbricht, uns behutsam herausholt aus der Erstarrung, uns zärtlich berührt, uns zuhört, unsere Tränen trocknet, unseren Kummer mit uns aushält und teilt, uns Gott wieder nahebringt.
Wie sehr wünsche ich Ihnen, liebe Angehörige, liebe Trauernde, einen solchen Engel zur Seite – mit oder ohne Flügel, direkt vom Himmel oder in Menschengestalt –, der Ihnen schenkt, was Ihnen in Ihrer Trauer und Ihrem Schmerz guttut. Wie sehr wünsche ich uns allen, dass wenn Hiobsbotschaften uns ereilen, großer Kummer über unser Leben hereinbricht, ein Engel da ist, der uns an das Licht erinnert, unsere Freude wachhält, unsere Hoffnung beflügelt. Bei Hiob hat der Engel erfolgreich gewirkt. Nach langen, schweren Jahren hat Hiob sich wieder des Lebens erfreuen, seine verwundete Seele heilen, er neues Glück erleben können. Das ging und geht nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit, manchmal viel Zeit. Gut, wenn dann unser Engel einen langen Atem hat, geduldig mit uns ist, sich freut, wenn uns ganz langsam kleine Schritte aus dem dunklen Tunnel hinaus gelingen. Hiob hat es mit Gottes Hilfe geschafft. Am Ende sagt er voller Überzeugung: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ach mögen wir doch in sein Bekenntnis einstimmen können – in guten und in schweren Zeiten.

Pfrn. Heike Schuffenhauer