Predigt zu Mk 12,28-34 am 10. So.n.Trin., 25.08.2019

„Welches ist das höchste Gebot?“ Mit dieser Frage wendet sich der Schriftgelehrte an Jesus. Welche Maßstäbe sind wesentlich für mich und geben mir grundlegende Orientierung? Welchen Anforderungen soll ich genügen, welchen Erwartungen gerecht werden, wie im Sinne Gottes leben und handeln? Worauf kommt es an? Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? So viele Stimmen und Ansprüche dringen auf mich ein, oft mehrere Antworten sind möglich, in vielen Situationen unterschiedliche Wege denkbar, verschiedene Verhaltensweisen naheliegend. Wie mache ich es richtig? Wohl je älter wir werden, je mehr unsere Lebenszeit verrinnt, desto intensiver und bewusster fragen wir danach und umso eindringlicher suchen wir nach befriedigenden Antworten. Wir spüren, dass die Chancen aus Fehlern und Fehlentscheidungen zu lernen, mit zunehmendem Alter geringer werden, unsere Zeit begrenzt ist, wir darum nach verlässlichem Halt und hilfreichen Maßstäben Ausschau halten.

„Welches ist das höchste Gebot?“ Jesus beantwortet diese grundlegende Frage mit dem zentralen jüdischen Glaubensbekenntnis, dem Schma Jisrael (שְׁמַע יִשְׂרָאֵל), das bereits im Alten Testament das Herzstück des Glaubens der Israeliten beschreibt: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5).

Gleichsam von Kopf bis Fuß – mit unserem Herzen, unserer Seele, unserem Verstand, mit allen unseren Kräften sollen wir ausgerichtet sein auf Gott, uns von seiner Nähe begleitet, in seinem Beistand geborgen, uns an seiner Hand mit ihm liebevoll verbunden fühlen.

Für Juden sind diese Worte das Herzstück ihres Glaubens, Ausdruck ihres Bekenntnisses zu dem einen und einzigen Gott. Dieses Glaubensbekenntnis hat bei ihnen seinen sichtbaren Platz mitten in ihrem Alltag und Leben in Form der sog. Mesusa. Das ist eine kleine längliche Kapsel, die an die Türpfosten ihrer Häuser, Büros, Wohnungen und jeden Raum befestigt wird. So eine Mesusa ist aus Holz, Ton oder Metall und sehr schön verziert. In ihrem Inneren befindet sich in einem Röhrchen ein kleines Stück Pergament, auf dem mit Tinte handgeschrieben das Schma Jisrael draufsteht. Der Auftrag, so zu verfahren, steht in der hebräischen Bibel direkt nach dem zentralen Glaubensbekenntnis im 5. Buch Mose:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

 

Und wenn Juden dann an einer solchen Mesusa vorbeikommen, berühren sie sie mit der Hand, vergewissern sich greifbar ihrer Gottverbundenheit, ganz ähnlich vielleicht wie kath. Christen, die sich beim Betreten einer Kirche und Beten, oft mit Weihwasser, bekreuzigen. Dem Glauben an Gott einen so zentralen, sichtbaren Platz mitten im alltäglichen Leben, zuhause, auf der Arbeit, in der Schule zu geben, gefällt mir. Die Mesusa erinnert unaufdringlich, doch erkennbar an die Nähe Gottes, an den Segen, den er schenkt. So ist die Mesusa auch ein Zeichen dafür, dass Gott über das Haus wacht und alle, die ein- und ausgehen, beschützt.

Wir Menschen können solche Erinnerungszeichen des Glaubens gut gebrauchen, weil wir sonst Gott im Getriebe unseres Alltags leicht aus dem Blick verlieren, ihm bestenfalls den Sonntagmorgen zwischen 10 und 11 reservieren. Doch er ist uns ja nicht nur in der Kirche, sondern überall nahe. Und ebenso wenig wie jüdisches Leben ist Christsein nur auf den Feiertag beschränkt, sondern will sich auswirken und ausstrahlen in den Alltag. Und damit sind wir beim zweiten Teil der Antwort Jesu auf die Frage des Schriftgelehrten nach dem höchsten, dem wichtigsten Gebot. Er zitiert dafür erneut aus den jüdischen Schriften des Ersten Testamentes: Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Die Frage des Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot beantwortet Jesus mit dem Verweis auf zwei Gebote, die er für absolut gleichrangig einstuft und in denen er das Wesentliche, worauf es im Leben ankommt und unsere wichtigste Aufgabe ausmacht, zusammengefasst sieht. Und diese beiden Gebote fordern uns zu einer dreifachen Liebesbeziehung auf, nämlich liebevoll achtsam zu sein gegenüber Gott, unserem Nächsten und uns selbst. In dieses dreifache Liebesnetz ist unser Leben als Glaubende eingebettet und mit Sinn erfüllt: Wir leben, um zu lieben! Unsere Liebe nach außen, unsere Nächstenliebe zeigt sich darin, dass wir die Menschen um uns herum aufmerksam wahrnehmen, uns Zeit für sie nehmen, hören und spüren, was sie freut oder ihnen Kummer macht, ihnen einfühlsam begegnen, sie beachten und ernst nehmen – so unvoreingenommen und vorurteilsfrei wie möglich. Und manchmal kann schon ein freundlicher Gruß, ein aufrichtiges Kompliment, ein nettes Wort Herzen erwärmen und ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Leicht ist das keineswegs immer, denn da sind ja auch jene Zeitgenossen, über die wir uns ärgern, weil sie uns geärgert, enttäuscht, verletzt, im Stich gelassen, verraten haben; da sind jene, die uns nicht sonderlich sympathisch sind, die uns langweilen und nerven; oder jene, die so völlig anders sind als wir selbst und die einen ganz anderen Lebensstil haben ... Sie alle sollen wir lieben, ihnen freundlich und hilfsbereit begegnen, ihnen eine Kleinigkeit von dem schenken, was ihnen gut tut. Das ist verdammt schwer, Menschen so zu nehmen, gar zu lieben wie sie sind! Und nicht zuletzt darum sind die beiden anderen Liebesbeziehungen, von denen in den zwei von Jesus ausgewählten Geboten die Rede ist, derart wichtig und sind alle drei so untrennbar miteinander verbunden: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Ich kann zu anderen nur gut sein, wenn ich es auch zu mir selber bin, mit mir im Reinen und zufrieden, mich selbst wert erachte, mir Gutes gönne. Eine gesunde Portion Egoismus ohne schlechtes Gewissen ist wichtig und ganz im Sinne Gottes. Auch Jesus hat sich in seinem Wirken Pausen gegönnt, sich zurückgezogen in die Stille, um neue Kraft zu tanken und die Nähe zu Gott im Gebet zu suchen. Und damit sind wir bei der dritten Liebesbeziehung, die insofern christliche Nächstenliebe von reiner Mitmenschlichkeit unterscheidet, als wir als Glaubende in Gott eine Quelle der Liebe kennen, die wir anzapfen können, um uns die Energie schenken zu lassen, die wir im liebevollen Umgang mit unseren Mitmenschen immer wieder brauchen. Weil wir uns selbst so wie wir sind von Gott geliebt wissen, auch unseren Mitmenschen so wie er ist von Gott geliebt anerkennen, können auch wir ihn lieben, egal wie er aussieht, denkt oder handelt.

Solche Liebe ist das besondere Markenzeichen sowohl von Juden als auch uns Christen!

Anschaulich erzählt davon folgende jüdische Geschichte:

Ein Rabbi fragte seine Schüler: „Wie erkennt man, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt?“ Die Schüler fragten: „Ist es vielleicht dann, wenn man einen Hund von einem Kalb unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es dann, wenn man einen Feigenbaum von einem Mandelbaum unterscheiden kann?“ „Nein“, sagte der Rabbi. „Wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann“, sagte der Rabbi, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.”

 

Leben, denken und handeln wir so, dass es Tag wird und bleibt bei uns und wir unsere Mitmenschen als Geschwister erkennen.

 

Pfrn. Heike Schuffenhauer

Ev. Talkirchengemeinde Eppstein

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