Predigt am 25.03.2018 zu Jes 50,4-9 am So. Palmarum

Hier spricht einer, der gut reden und gut zuhören kann, einer, der sowohl Gott als auch den Menschen aufmerksam zugewandt ist.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie viele Müde gibt es unter uns!? Menschen, die erschöpft, am Ende ihrer Kraft sind, unablässig atemlos im Hamsterrad ihres Lebens drehen, hochgradig in ihrem Beruf und Privatleben gefordert sind; Menschen, die von ihrer Lebensangst schier aufgezehrt werden, die keinen Fuß auf den Boden bekommen, immer wieder scheitern und aus dem Teufelskreis von Armut und Niedergeschlagenheit einfach nicht mehr herauskommen; Menschen, die so viele Schicksalsschläge erlitten haben, dass ihre Kraft und Zuversicht, trotzdem wieder aufzustehen, restlos aufgebraucht und verschwunden sind; junge Menschen, denen die Anforderungen in der Schule und in unserer leistungsorientierten Welt zu schaffen machen, die kaum mithalten können beim Lernen, die trotz allen Einsatzes immer irgendwie hinterherhinken; Menschen, die entkräftet sind, weil eine Sucht sie fest im Griff hat, sie nicht mehr selbst ihr Leben bestimmen, sondern eine unstillbare Gier sie beherrscht; Menschen, denen eine schwere Krankheit alle Energie raubt, denen die Begleiterscheinungen des Alters zu schaffen machen, denen die Freude am Leben abhandengekommen ist. So viele Müde gibt es unter uns! Und manchmal gehören wir vielleicht auch dazu, sehnen uns danach, dass das Hamsterrad einmal stillstehen möge, wir innehalten, ausruhen, neue Kraft schöpfen könnten, einer ein erlösendes Wort zu uns spräche, das uns nicht schon wieder in die Pflicht nimmt und beansprucht, sondern uns freigibt, stärkt, aufrichtet, ermutigt.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Wie wunderbar, wenn die Müden einen solchen Menschen haben oder finden, der genau im richtigen Moment für sie da ist, sie nicht mit klugen Ratschlägen überhäuft, sondern einfühlsam mit ihnen redet, sagt, was ihnen gut tut und ihre Seele heilt. Wichtigste Voraussetzung, um das Richtige zu sagen, ist richtig zuzuhören. Nur wer aufmerksam den Kummer eines anderen wahrnimmt, seine Not zu verstehen, sich in ihn und seine Situation hineinzuversetzen versucht, kann die passenden Worte finden und wirksam helfen. Nur wer nicht gleich oberflächlich urteilt, nicht sofort eine vermeintlich passende Lösung parat hat, sondern wer sich einfühlt in den leidgeplagten, müden Menschen, sich Zeit nimmt für ihn, ihn reden lässt und geduldig zuhört, kann so dem anderen gut tun. Und mitunter genügt ja schon das Zuhören, dass der andere erleichtert weitergehen kann, weil er einen Teil seiner Last jemandem anvertrauen und loswerden, eine neue Perspektive auf sein Problem gewinnen, den Ansatz einer Lösung entdecken konnte. Jesus hatte so ein offenes Ohr für die Menschen, die seine Nähe suchten. Immer sprach er mit ihnen, fragte sie, was sie wollten und von ihm erwarteten. Auch wenn es noch so offensichtlich war, wie bei dem Blinden etwa, bat Jesus den jeweiligen Hilfesuchenden, seine Not zu benennen, seinen Wunsch zu äußern, seine Vision zu formulieren. Von seinem Kummer zu erzählen, tut gut. Und den Wunsch auszusprechen, dass sich die eigene Lage verbessern möge, ist zugleich Ausdruck der Hoffnung, dass dies möglich ist und nichts unabänderlich so bleiben muss, wie es ist. Reden tut gut! Wohl dem, der jemanden hat, der ihm zuhört!

In unserer Zeit, in der viele Leute nur noch mit zugestöpselten Ohren und den Blick starr auf das Display ihres Handys gerichtet unterwegs sind, sind Menschen, die andere achtsam wahrnehmen und ihnen geduldig zuhören, mittlerweile eine wahre Rarität. Gerade dieser Tage ging ein junger Mann an unserem Haus vorbei. Ich rief ihn und winkte ihm von der Treppe aus zu, doch er nahm keinerlei Notiz von mir, da er in den Ohren Stöpsel mit vermutlich lauter Musik hatte und sein Blick gedankenverloren starr geradeaus gerichtet war. Keine Chance, ihn anzusprechen, mich zu erkundigen, wie es ihm geht und was seine Sorgen machen. Also werde ich ihm mal wieder eine WhatsApp-Nachricht zuschicken und auf diese Weise Kontakt mit ihm aufnehmen. Wie viele Leute heutzutage kommunizieren überhaupt nur noch virtuell miteinander, in Kurznachrichten mit Abkürzungen und kleinen Bildchen aller Art, sind immerhin in Kontakt und doch nicht wirklich im Gespräch miteinander!? Natürlich habe auch ich mich in der Seelsorge schon mit Menschen per Mail oder WhatsApp ausgetauscht, ihnen gute Gedanken und Wünsche geschickt, an ihrem Leid Anteil genommen. Durchaus gut, dass es diese bequemen, rund um die Uhr unkompliziert möglichen Kommunikationswege gibt. Doch nichts geht über den persönlichen Kontakt, wenn ich mein Gegenüber ganzheitlich als Mensch wahrnehmen, seine Tränen sehen, ihm ein Taschentuch reichen, ihn in den Arm nehmen, behutsam mit ihm reden, vielleicht auch beten kann.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. (Jes 50,4)

Was können müde, erschöpfte Menschen außer dem Gespräch und vertrauensvollen Austausch noch gebrauchen? Vielleicht tut ihnen manchmal auch gut, dass einer den Rücken für sie hinhält. Wenn ein einzelner von anderen, gar einer ganzen Gruppe schlecht behandelt, gemobbt wird, in der Schule z.B., dann ist es für ihn eine Befreiung, wenn jemand, vielleicht sogar einer aus der mobbenden Gruppe, sich löst, Partei für ihn ergreift, sich auf seine Seite stellt und dabei in Kauf nimmt, selbst Prügel zu beziehen und zum Opfer zu werden.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50,5f)

Wer so seinen Rücken hinhält, gar für das Recht und die Würde anderer eintritt, sich für Schwache stark macht, braucht selbst gute Rückendeckung, Menschen, die hinter ihm stehen, Gottes Beistand, der ihm den Rücken stärkt. Wer sich so schutzlos und wehrlos ausliefert, den Teufelskreis von Gewalt mit Worten und Schlägen durchbricht, indem er nicht zurückschlägt, braucht ein starkes Kreuz, das ihm Rückhalt verleiht. Der hier die biblischen Worte spricht, findet Halt und Hilfe bei Gott:

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? (Jes 50,7-9a)

Der hier spricht ist sich sicher, dass er nichts zu befürchten braucht, denn Gott steht auf seiner Seite, ist ihm nahe, tritt für sein Recht ein, hilft ihm. Der Nähe Gottes ist sich dieser Mann sicher, denn er hört ihn, hat sein Ohr gleichsam an Gottes Herz:

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. (Jes 50,4+5a)

Und weil er hellhörig ist für die Nöte seiner Mitmenschen und die Stimme Gottes, nimmt er auch jene wunderbaren göttlichen Worte wahr, die Müde ermuntern und Verzagte aufrichten und die er frohen Herzens weitersagen kann:

Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1,9)

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40,31)

Und im Evangelium lädt Jesus ein: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

Diese wunderbaren Worte können wir weitersagen, wenn wir mit Müden reden.

Aus diesen wunderbaren Worten können wir Kraft schöpfen, wenn wir selbst müde sind.

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
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