Predigt in der Christvesper an Heiligabend 2019 „Die heilige Hetze der Adventszeit“

„Die heilige Hetze der Adventszeit“

 

In diesen Tagen höre ich häufig den Wunsch: „Ich wünsche Ihnen trotz Ihrer vielen Termine eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit!“ Viele Menschen halten das für das Ideal – eine ruhige, beschauliche Zeit vor und an Weihnachten. Und umso mehr stöhnen sie über den tatsächlichen Stress, die Hetze, in die sie alle Jahre wieder trotz bester Vorsätze hineingeraten. Im Beruf ist eine Menge zu tun, denn das Jahresende bringt in vielen Bereichen besondere Herausforderungen mit sich. Hinzu kommen diverse Weihnachtsfeiern – im Betrieb, im Verein, in Kindergarten und Schule. Zuhause muss so vieles bedacht und organisiert, die Wohnung geschmückt, der Christbaum besorgt, die Geschenke gekauft, das Essen vorbereitet, die Besuche geplant werden. Und dann sind da noch besondere Aktionen wie Weihnachtsmarkt, Konzerte, Theateraufführungen, Seniorennachmittage, Krippenspiele, bei denen viele Menschen aktiv mitwirken zur Freude anderer. So gesehen macht Weihnachten eigentlich nur viel Arbeit, kostet Geld und verursacht einen Haufen Unruhe, Druck und Anspannung. Und dabei soll es doch eigentlich ruhig, entspannt, erwartungsfroh in diesen besonderen Wochen zugehen.

Doch, so frage ich mich andererseits, wo steht das eigentlich geschrieben, dass Advent und Weihnachten geruhsam und beschaulich sein sollen, das Fest quasi im Zeitlupentempo gefeiert werden müsste? Machen wir uns nicht gerade mit diesem Anspruch umgekehrt zusätzlichen Druck, flößen uns selbst das Gefühl ein, jedes Jahr wieder etwas falsch zu machen, nicht richtig auf das Fest eingestimmt und vorbereitet zu sein?

Damals, beim ersten Weihnachten in Israel, ging es jedenfalls auch nicht gerade geruhsam und gelassen zu – im Gegenteil. Josef und seine hochschwangere Frau Maria sind durch das halbe Land gewandert von Nazareth nach Bethlehem, um sich dort in die Steuerlisten einzutragen, weil der gehasste Kaiser in Rom es so befohlen hatte. Reine Schikane war das, dass alle Leute sich in ihrem Geburtsort registrieren lassen sollten. So waren abgesehen von Maria und Josef viele Menschen im Land unterwegs in den jeweiligen Herkunftsort ihrer Familienväter. Und an jeder Straßenkreuzung gab es römische Militärkontrollen. Hektik und Wut lagen in der Luft, denn die Leute waren aufgebracht, verabscheuten die römischen Besatzer noch mehr als ohnehin schon. Und die Zeloten, eine jüdische Bewegung, die Gewalt für ein akzeptables Mittel zur Erreichung von Recht und Unabhängigkeit hielt, nutzten die Unruhe im Land als Gelegenheit, kurzerhand ein paar Kollaborateure meuchlings zu ermorden. Die Straßen waren nicht sicher – vor allem nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Viele machten dabei gute Geschäfte. Die Hotels waren überfüllt und jeder noch so kleine Schuppen wurde zu Wucherpreisen vermietet.

Gewiss schon eher als die Eltern des heiligen Kindes hatten sich die Weisen aus dem Morgenland, die Sterndeuter aus dem Osten auf den Weg gemacht und waren dem großen hellen Stern gefolgt. Von Unruhe und Neugier getrieben, wollten sie unbedingt in Erfahrung bringen, von wessen besonderer Geburt dieser Stern kündet. Bestimmt hatten sie keine ganz so gemütliche Wanderung, mussten sich, unterwegs ins Ungewisse, immer wieder neu orientieren, nach dem Stand des Sterns Ausschau halten, tagsüber zusehen, nicht die Richtung zu verlieren und auf dem richtigen Weg zu bleiben. Sie mussten, wer weiß, immer wieder auch eine Unterkunft finden, sich um ihr Essen und Trinken kümmern. Als sie dann Israel erreicht hatten und zielstrebig die Hauptstadt Jerusalem ansteuerten, versetzten sie den Königspalast und den König persönlich erst einmal in hellen Aufruhr mit ihrer Nachricht, dass ein neuer König in Israel geboren sei. Nach eingehendem Schriftstudium seiner Gelehrten schickt König Herodes die Sterndeuter schließlich in das gut 20 km entfernte Kuhkaff Bethlehem.

Dort waren bereits ganz andere Leute unterwegs zu dem neugeborenen Kind: Hirten – Arbeiter, die damals etwa so viel Anerkennung und Beachtung fanden wie bei uns heute Mitarbeiter der Müllabfuhr. Während ihrer Nachtschicht hatte ein Engel, begleitet von überstrahlendem Licht und einem ganzen Engelschor, den Tierhütern diese unglaubliche Nachricht verbreitet:

„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

 

Nachts mit dieser ungewöhnlichen Botschaft konfrontiert, hätten die Hirten eigentlich gut und gerne bis zum nächsten Tag warten können. Schließlich stört man eine Familie, zumal mit einem gerade neugeborenen Kind doch nicht mitten in der Nacht. Außerdem ist da ihr Job, ihre Hirtenpflicht, Tag und Nacht die anvertrauten Tiere zu hüten und bei der Herde zu bleiben. Und wenn Gott schon den Heiland der Welt schickt, dann wird dieser Retter ja wohl auch noch am nächsten Tag da sein. Also hätten die Hirten sich erst einmal während ihres Bereitschaftsdienstes getrost hinlegen, ausruhen können, um am nächsten Tag zwischen 11 und 12 Uhr vormittags in aller Ruhe einen Besuch zu machen, sofern sie ihn überhaupt für nötig hielten. Doch sie brechen unverzüglich auf, hetzen sich ab in dieser Weihnachtsnacht: „Lasst uns nun gehen … und die Geschichte sehen …!“ – „Sie kamen eilend…“ Sie haben nicht erst eine Andacht oder Meditation eingelegt, sondern alles stehen- und liegenlassen, selbst die Tiere sich überlassen, und sind so schnell sie konnten, allen möglichen Bedenken und Hindernissen zum Trotz, zu dem Kind im Stall gelaufen. Sie wollen sofort nachsehen, mit eigenen Augen schauen, ob wirklich stimmt, was der Engel gesagt hat. Und dort an der Krippe ging es dann entsprechend rund, stellten sich immer mehr unangekündigte Besucher ein, kaum dass Maria Jesus geboren und sich von den Strapazen der langen Reise und Entbindung erholt hatte. Rund um die Krippe herrschten Trubel und Betrieb, gab es ein munteres Kommen und Gehen. Nachdem die Hirten das Kind in der Krippe gesehen, die Ankündigung des Engels bestätigt gefunden hatten, gingen sie nicht sofort zurück zu ihren Tieren, sondern erzählten weiter, dass der Heiland geboren ist. „Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Die Hirten sind folglich die ersten christlichen Botschafter und Missionare, die von Jesus erzählen, ihre Freude über die Geburt des Erlösers der Welt weitergeben. Sie gehen nicht einfach zur Tagesordnung ihres gewohnten Lebens über, kehren nicht unverändert in den Alltag zurück, sondern sind berührt vom Wunder der heiligen Nacht, danken Gott mit ihren Worten und Liedern, feiern ihren Weihnachtsgottesdienst unterwegs auf dem Rückweg von der Krippe zu ihren Tieren.

„Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“

 

So gesehen war das damals beim ersten Weihnachten in Bethlehem eher keine „Stille Nacht“, keine andächtige Ruhe, keine besinnliche Atmosphäre, sondern eine ganz schön heilige Hetze. Menschen wurden angesichts der Geburt des Heilandes in Bewegung gesetzt, für Momente aus ihrem gewohnten Alltagsrhythmus herausgenommen, ihre Schritte hin zur Krippe gelenkt, ihr Herz mit Freude erfüllt und für andere Menschen geöffnet, ihr Leben in ein neues Licht gestellt, heilsam bewegt und verändert.

Und tatsächlich, liebe Gemeinde: Gott wurde ja doch nicht Mensch, um unseren sentimentalen Stimmungen Futter zu geben, uns einige geruhsam-besinnliche Stunden unterm Weihnachtsbaum zu bescheren und in einer vermeintlich heilen Welt von „Süßer-die-Glocken-nie-klingen-Gesäusel“ einzulullen. Gott wurde Mensch, kam uns nahe, hautnah mit Hand und Fuß, weil er mitten hinein will in unser pulsierendes Leben, unsere tagtäglichen Freuden und Sorgen, unseren Dank und unseren Kummer, unsere Leichtigkeit und unsere Lasten mit uns teilen, mitten im Trubel unseres Alltags präsent und für uns da sein möchte. Nicht in einem verschneiten, friedlichen Schwarzwalddorf, nicht in der Stille des Essener-Klosters von Qumran am Toten Meer, dessen Mönche sich von der bösen, hektischen Welt abgesondert hatten, sondern völlig unspektakulär mitten in Bethlehem erblickt in Jesus das Licht der Welt das Licht der Welt. Und die ersten, die davon erfahren und diese Geburt feiern, sind völlig unvorbereitete Schwerstarbeiter inmitten ihrer Nachtschicht. Ihre Reaktion ist der Bedeutung des göttlichen Wunders sehr angemessen: Sie erzählen die frohe Botschaft weiter, stecken andere mit ihrer Freude an, teilen das Licht, das sie geschaut haben, aus, widerspiegeln den Glanz der Schönheit Gottes im Antlitz des Kindes mit ihrem Leben, kehren reich beschenkt, beachtet und wertgeschätzt in ihren Alltag zurück, leben als Freunde Jesu weiter.

Das ist der Sinn von Weihnachten: Eigentlich gerade nicht zur Ruhe zu kommen, zufrieden zu sein, mit dem, was ist, sich mit den Heillosigkeiten in unserer kleinen und großen Welt abzufinden, Jesus als niedliches, harmloses Kind, „holden Knaben im lockigen Haar“ wirkungslos in der Krippe zu belassen, sondern ihn mit seiner ganzen Ausstrahlungskraft und Liebe hineinzunehmen in unser Leben, in seiner Geistesgegenwart zu handeln, seinen Frieden auszubreiten, sein Licht weiterzutragen. Die Hirten damals haben ja tatsächlich nur das kleine Jesusbaby gesehen. Wir wissen, wie seine Geschichte weitergegangen ist, wie er erwachsen geworden sich für andere Menschen stark gemacht, vor allem für die am Rande eingesetzt, Kranken neue Freude am Leben geschenkt, schuldig Gewordenen vergeben, Toten den Himmel und ewiges Leben eröffnet hat. Wir haben noch weit mehr Grund als die Hirten damals, als Jesusfreunde im Vertrauen auf Gott zu leben – befreit von Last und Schuld, gelassen und heiter, achtsam und hilfsbereit, von Liebe und Dankbarkeit erfüllt, von seinem Frieden und Heil beschenkt.

Inmitten der Hetze der Adventszeit in diesen Wochen habe ich solche Jesusfreunde getroffen, Jesusfreude erlebt, Licht in der Dunkelheit gespürt und mit anderen geteilt – etwa bei einer dekanatsweiten Andacht, die wir seit einigen Jahren für trauernde Kinder und Erwachsene in der Adventszeit feiern und bei der wir gemeinsam in allem Schmerz nach dem Stern Ausschau gehalten, kleine Licht- und Haltepunkte gefunden, ich sogar ein kleines staunenswertes Wunder erlebt habe. Ich habe Trost und Hoffnung erfahren im Gespräch mit der Mutter, deren junger Sohn gar zu früh an einer schweren Krankheit gestorben ist und die seither noch bewusster als bisher die Prioritäten ihres Lebens neu sortiert und auf Gott ausgerichtet hat. Echte Lichtblicke habe ich empfangen, als nach einem langen Gespräch mit einer jungen, psychisch kranken Frau sich draußen die Wolken am Himmel lichteten und strahlendes Hell uns entgegensandte.

Seien wir gewahr solcher Weihnachtswunder mitten in der Betriebsamkeit unseres Alltags. Halten wir Ausschau nach Jesus inmitten unserer alltäglichen Begegnungen und Verrichtungen. Eröffnen wir ihm Raum in unserem Leben, nicht nur an Weihnachten, sondern an allen Tagen des Jahres. Geben wir ihm die Chance, unsere Dunkelheiten zu erhellen, unsere verwundete Seele zu heilen, unsere Verletzungen und Brüche zu verbinden, Zerstrittene zu versöhnen, Traurige zu trösten, Glückliche mit Dankbarkeit zu erfüllen.

Und seien wir gewiss: Unsere Welt mit all ihrer Hektik, ihrem Stress und ihrer Unvollkommenheit ist eine typische Weihnachtswelt. Zu ihr gehört die heilige Hetze aus Freude über die Geburt des Erlösers.

 

 

Pfrn. Heike Schuffenhauer

Ev. Talkirchengemeinde Eppstein

www.talkirche.de

 

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Diese Predigt wurde inspiriert durch zwei Beiträge von Ulrich Parzany:

-        Heilige Hetze zu Weihnachten

-        Unsere Welt – eine typische Weihnachtswelt

 

in: Andreas Benda, Werkbuch Weihnachten, 1983, S. 93ff