Predigt in der Christvesper an Heiligabend 2018

„Weihnachten ist ein Geschenk“

Neulich habe ich gestaunt: Da war ich im MTZ unterwegs und entdeckte im Kaufhof die weihnachtliche Werbung, die mir aus Leuchtkästen unübersehbar entgegenstrahlte: Ein schneebedeckter Berg, blauer Himmel, grafisch hübsch gestaltet, davor ein großer Eiskristall und der Schriftzug „Weihnachten ist ein Geschenk“:

Auch wenn die PR-Abteilung des Kaufhauses diesen Satz gewiss eher zur Ankurbelung des Geschenkeeinkaufs, also mit kommerziellem Hintergrund verstanden hat, gefiel mir der Satz richtig gut. Denn er bringt mit wenigen Worten auf den Punkt, worum es an Weihnachten im Innersten geht. „Weihnachten ist ein Geschenk.“ Weihnachten ist ein großes Geschenk Gottes an uns, voller Liebe von ihm für uns ausgewählt und in Windeln gewickelt!
Klar spielen an Weihnachten auch unsere Geschenke eine große Rolle. Kinder freuen sich unbändig darauf, fiebern der lang ersehnten Bescherung entgegen, reißen die liebevoll eingepackten Pakete oft ungeduldig auf. Und selbst wir Erwachsenen bekommen doch immer gerne etwas geschenkt. Der Umfang und Wert der Geschenke scheint mit den Jahren unaufhaltsam zuzunehmen. Was für uns damals in meiner Kindheit kostbarste Weihnachtsgeschenke gewesen wären, erhalten Kinder heute bereits am Nikolaustag, was an Weihnachten natürlich eine entsprechende Wertsteigerung erforderlich macht und vielfach zu einer Gabenfülle führt, die gewiss keine Lektion der Bescheidenheit enthält. Jedenfalls erinnere ich mich noch gut, dass ich mich, als ich klein war, natürlich auch sehr auf meine Geschenke gefreut habe. Doch mit mindestens ebensolcher Freude habe ich umgekehrt meine Eltern beschert und war genauso gespannt, was sie zu meinen Gaben sagen würden. Geschenke zu bekommen und auch andere zu beschenken, sich gut zu überlegen, was zu dem anderen passen, womit ich ihn erfreuen könnte und dann zu erleben, genau das Richtige getroffen zu haben, ist schön und macht Freude.
Schon damals, beim ersten Weihnachten in Bethlehem, gab es ja Geschenke, noch dazu sehr kostbare: Die gelehrten Sterndeuter aus dem Osten brachten dem neugeborenen Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe mit. Bei Weihrauch und Myrrhe handelt es sich um das Harz von zwei miteinander verwandten Baumarten, die zur Familie der Balsambaumgewächse gehören und vor allem in Arabien und Indien wachsen. Wenn die Rinde eines Baumes verletzt wird, tritt das Harz aus, trocknet und wird aufgefangen. Weih-rauch, heiliges Räucherwerk, entwickelt beim Verbrennen einen aromatisch duftenden Rauch und wird daher in verschiedenen Religionen bei Kulthandlungen verwendet. Es hat außerdem heilende Wirkung, lindert bei Entzündungen und hilft nachweislich bei zahlreichen Erkrankungen. Auch Myrrhe wirkt, auf Wunden aufgetragen, entzündungshemmend, desinfizierend und heilsam. Bei der Kreuzigung wurde Jesus Wein mit Myrrhe angeboten, weil er betäubt und Schmerzen lindert, doch Jesus hat ihn abgelehnt (Markus 15,23).
Es waren unschätzbar kostbare Gaben: Neben Gold zählten auch Weihrauch und Myrrhe zu den wertvollsten Substanzen des Altertums. Es gab zwar damals reichlich Bäume der beiden Arten, aus denen Weihrauch- und Myrrhe-Harz gewonnen wird. Doch die Substanzen waren wegen des langen Transportweges durch die Wüste und durch die dabei immer wieder zu entrichtenden Zölle extrem kostbar. Weihrauch war bereits 1700 Jahre vor Christus so begehrt, dass sein Transport zur Entstehung einer blühenden Handelsstraße zwischen Arabien und dem Mittelmeer, der so genannten Weihrauchstraße führte. Die am Mittelmeer wohnenden Ägypter und Phönizier haben Weihrauch bei ihren rituellen Handlungen gebraucht, aber auch schon sehr früh für medizinische Zwecke erschlossen. Sie nutzten seine positive Wirkung bei der Wundheilung und bei Atemwegserkrankungen und nahmen deshalb auch die extrem hohen Kosten in Kauf. Heilkundige wie Hippokrates und später im Mittelalter auch Hildegard von Bingen empfahlen den Einsatz von Weihrauch für eine Reihe von Gesundheitsproblemen.
Also schon beim allerersten Weihnachtsfest damals in Bethlehem gab es richtig wertvolle und tolle Geschenke für die heilige Familie. Wegen der Kostbarkeit der Geschenke hat man früh schon angenommen, dass es reiche Leute wie Könige gewesen sein müssen, die sie brachten. Und aus der Anzahl ihrer Geschenke hat man geschlossen, dass es drei Überbringer gewesen sein könnten. Die in der Bibel schlicht als „magoi“ (Magiere) bezeichnet werden und vermutlich Gelehrte waren, die sich mit Astronomie oder auch Astrologie auskannten, werden wenige Jahrhunderte später zu den Heiligen Drei Königen, die am 6. Januar sogar einen eigenen Gedenktag haben.
„Weihnachten ist ein Geschenk!“ Es beschert uns einige freie Tage, Schulferien und Urlaub. Es ermöglicht uns ein wunderschönes Fest, das wir oft im Kreise unserer Lieben feiern, an dem wir aneinander denken, uns besuchen und Gutes wünschen. Weihnachten sorgt für Licht in der dunklen Jahreszeit, für wohltuende anheimelnde Stimmung, für gemütliche Stunden zuhause oder auf Weihnachtsmärkten, für stimmungsvolle Musik. Weihnachten segnet uns mit reichhaltigem Essen, leckeren Plätzchen und Lebkuchen, erweitert meist spürbar unseren Winterspeck. Weihnachten wartet mit vielen Geschenken auf, in deren Genuss sie alle kommen, auch die Nichtchristen und Atheisten.
„Weihnachten ist ein Geschenk!“, für Christen neben all den anderen schönen Gaben dieses Festes vor allem auch ein unfassbares Geschenk Gottes. Denn mit der Geburt Jesu hüllt Gott seine ganze Liebe zu uns Menschen, seine Sehnsucht nach uns, seinen unbedingten Willen, uns Gutes zu tun, in ein kleines Kind ein, mit dem eine ganz neue Geschichte beginnt. In Jesus begibt sich Gott unmittelbar in die Niederungen unseres Menschseins, begegnet uns von Angesicht zu Angesicht, auf Augenhöhe, um uns nahe zu sein, unser Leben zu teilen, unsere Freuden hautnah zu spüren, unsere Leiden am eigenen Leibe zu erfahren. Weihnachten beschert uns einen grundlegenden Perspektivwechsel und stellt unsere gewohnten Maßstäbe auf den Kopf: Der Himmel kommt auf die Erde, Gott wird Mensch, der Heiland ein Baby … Weihnachten lehrt uns, das Große im Kleinen zu suchen, das Außerordentliche im Unscheinbaren zu entdecken. Die Sterndeuter suchen den neugeborenen König im prachtvollen Herrscherpalast in Israels Hauptstadt Jerusalem und finden ihn stattdessen in einer Futterkrippe in dem kleinen Ort Bethlehem. Gott liebt das Kleine und die Kleinen. Das zieht sich wie ein roter Faden auch durch das Leben Jesu. Er hat ein Herz für die, die gerne übersehen werden, hilft denen, die abseits am Rande der Gesellschaft stehen, stellt Kinder den Erwachsenen als Vorbild hin. Und er selbst tut, was er kann, hilft unmittelbar jeweils dem einen Menschen, dem er begegnet und der ihn um Hilfe bittet. Er heilt nicht alle Kranken in Israel, schafft nicht den absoluten Weltfrieden, sorgt nicht für umfassende Gerechtigkeit, sondern handelt in der je konkreten Situation, schenkt seinem Gegenüber das, was ihm gerade gut tut. Und am Ende, als mit ihm kurzer Prozess gemacht und er zum Tode verurteilt wird, wehrt er sich nicht, setzt er kein Himmelsheer zu seiner Befreiung in Bewegung, sondern liefert er sich der Willkür seiner Gegner aus, erleidet Folter und Qualen, stirbt elendiglich am Kreuz. Doch gerade darin zeigt sich seine Kraft, dass er seinen Weg der Liebe bis zur letzten Konsequenz geht, sogar seinen Häschern vergibt, im Tod das Leben findet und das Kreuz zum Hoffnungszeichen wird.
„Weihnachten ist ein Geschenk.“ Der große Gott wird ganz klein. Gott schenkt sich uns im Kleinen und Unscheinbaren, lässt uns ihm dort auf die Spur kommen, wo wir ihn am wenigsten erwarten. Einer Freundin ist er dieser Tage beispielsweise im lauten Gespräch zweier Nonnen im Wartezimmer einer Ärztin begegnet. Mich hat er berührt, als kürzlich in der B-Ebene der Hauptwache Schülerinnen und Schüler einer Frankfurter Schule Advents- und Weihnachtslieder musizierten und auf diese Weise Geld für krebskranke Kinder sammelten. In solch kleinen Gesten der Zuwendung und Mitmenschlichkeit begegnet mir Gott und erreicht mich seine Liebe.
Und gilt die weihnachtlich begründete Feststellung, dass oft gerade das Kleine ganz groß und wertvoll sein kann, nicht auch für unsere Weihnachtsgeschenke? Sind manche Geschenke, obwohl materiell von eher geringem Wert, nicht umso kostbarer, weil der Geber oder die Geberin sie mit ganz viel Liebe und Mühe ausgesucht, gar selbst gemacht, Zeit investiert oder mit besonders lieben Worten versehen hat?
Eine Geschichte, die ich fand, erzählt davon:
Auf einer abgelegenen Südseeinsel lauschte ein Schüler aufmerksam der Weihnachtserzählung der Lehrerin, die gerade erklärte: „Die Geschenke an Weihnachten sollen uns an die Liebe Gottes erinnern, der seinen Sohn zu uns auf die Erde gesandt hat, um uns zu erlösen, denn der Gottessohn ist das größte Geschenk für die ganze Menschheit. Aber mit den Geschenken zeigen die Menschen sich auch untereinander, dass sie sich lieben und in Frieden miteinander leben wollen.“
Am Tage vor Weihnachten schenkte der Junge seiner Lehrerin eine Muschel von ausgesuchter Schönheit. Nie zuvor hatte sie etwas Schöneres gesehen, das vom Meer angespült worden war.
„Wo hast du denn diese wunderschöne und kostbare Muschel gefunden?“, fragte sie ihren Schüler.
Der Junge erklärte, dass es nur eine einzige Stelle auf der anderen Seite der Insel gäbe, an der man gelegentlich eine solche Muschel finden könne. Etwa 20 Kilometer entfernt sei eine kleine versteckte Bucht, dort würden manchmal Muscheln dieser Art angespült.
„Sie ist einfach zauberhaft“, sagte die Lehrerin. „Ich werde sie mein Leben lang bewahren und dich darum nie vergessen können. Aber du sollst nicht so weit laufen, nur um mir ein Geschenk zu machen.“
Mit leuchtenden Augen sagte der Junge: „Der lange Weg ist ein Teil des Geschenkes.“ (Autor unbekannt)
www.lgvgh.de/wp/geschichte-zu-weihnachten-zum-thema-weihnachtsgeschenke/6667

Gott hat einen ganz besonders langen Weg zurückgelegt, um uns zu beschenken: Vom Himmel bis zur Erde!
„Weihnachten ist ein Geschenk!“
Freuen wir uns ganz besonders über die Geschenke und danken für sie, die nicht mit Geld zu bezahlen sind!

_____________________________________________________________
Hilfreiche Infos zu Weihrauch und Myrrhe habe ich hier entnommen:
www.welt.de/gesundheit/article135378026/Gegen-welche-Krankheiten-Weihrauch-hilft.html

Zurück zur Übersicht