Predigt in der Christmette an Heiligabend 2018

mit Bildbetrachtung: „Du Trost für die ganze Welt“ von Beate Heinen (2018)

Wir empfangen die weihnachtliche Kunde von der großen Freude inmitten einer oft freudlosen Welt. Wir hören die frohe Botschaft von der Geburt des Heilandes inmitten einer heillosen Welt. Wir stimmen in den Lobgesang der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden …“ mit ein inmitten einer friedlosen Welt. Der Kontrast zwischen dem, was ist und dem, was uns an Weihnachten zugesagt wird, könnte kaum größer sein. Da liegen Welten dazwischen. Das ist seit über 2000 Jahren so und war schon damals bei Jesu Geburt, beim ersten Weihnachten in Bethlehem so. Bereits da waren die Zeiten unruhig, der Friede allenthalben gefährdet und Gerechtigkeit für die Herrschenden ein Fremdwort.
Ist Weihnachten vielleicht gerade deswegen so ein beliebtes Fest, weil es uns für Momente absehen lässt von den Schrecknissen unseres realen Lebens, uns eine kurze Auszeit von den alltäglichen Sorgen beschert, uns vorübergehend in eine andere, bessere, heilere Welt eintauchen lässt, die hell, warm, gemütlich und, wenn alles gut geht, auch friedlich ist? Kommt darin, dieses Fest der Geburt Jesu selbst als Nichtchristen zu feiern, die tiefe Sehnsucht vieler Menschen nach Herzenswärme, friedlichem Miteinander, Trost und Hoffnung zum Ausdruck?
Noch gut erinnere ich mich, dass ich vor etlichen Jahren genau an dieser Stelle, während der Predigt und in Anknüpfung an das betrachtete Bild in der Christmette, auch leidvolle Erfahrungen von Menschen angesprochen, Beispiele für Not und Elend erwähnt habe. Eine Gottesdienstbesucherin empörte sich darüber heftig, und ließ mir später über ihre Enkeltochter mitteilen, dass so etwas auf keinen Fall in einen Weihnachtsgottesdienst hineingehöre. An Weihnachten, wenigstens an Weihnachten soll alles gut sein, Leid und Elend vor der Türe bleiben und unsere kleine selbstgemachte heile Welt bloß nicht stören. Darum tun uns die Weihnachtslieder so gut, weil sie ebenfalls von Friede und Freude in der Welt singen, unser Herz berühren, Erinnerungen an unbeschwerte Tage unserer Kindheit wecken. Dieser Wirkung verdankt gewiss auch das bekannteste Weihnachtslied überhaupt, „Stille Nacht, heilige Nacht“, seinen in diesem Jahr genau 200-jährigen Siegeszug durch die Welt. In harten Zeiten, geprägt von Krieg, Naturkatastrophen, Hunger, Leid, Armut und Seuchen ist es entstanden. Mit sanften, wiegenden Tönen und tröstenden Worten verbreitet das Lied Zuversicht und Hoffnung, weckt einen Zauber, der seit zwei Jahrhunderten ungebrochen ist. „Stille Nacht, heilige Nacht“ hat Grenzen und Krisen überwunden, verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Religion miteinander. Es schlägt auch einen Bogen zu jener Zeit, in der es geschaffen wurde. Vor 200 Jahren, 1818 haben der Salzburger Priester Joseph Mohr und der aus Oberösterreich stammende Lehrer Franz Xaver Gruber das Lied zum ersten Mal in der St. Nikola Kirche in Oberndorf bei Salzburg gesungen. Aus Joseph Mohrs Feder stammt das Gedicht. Vertont wurde es auf dessen Bitte hin von Franz Xaver Gruber. Über Zillertaler Sängerfamilien trat es nur wenige Jahre danach seine Reise von Österreich nach Europa und in die Welt an. Mittlerweile wird es in mehr als 300 Sprachen und Dialekten gesungen. Kaum ein bekannter Sänger oder Musiker, der es nicht in sein Repertoire aufgenommen hätte. Wie ein kleines Licht in dunkler Nacht verbreitet das Lied einen Funken Hoffnung und Wärme, gehört zu unserer Weihnachtsinsel, auf die wir alle Jahre wieder so gerne reisen.
Mitten in die heillose Welt wird der Heiland hineingeboren, um Friede und Freude, Licht und Wärme zu bringen, unseren Seelenhunger zu stillen, unsere Sehnsucht zu erfüllen, Gedemütigte aufzurichten, Traurige zu trösten, tatsächlich ein Stück Himmel mitten auf die Erde zu bringen. Dieses weihnachtliche, unfassbare Wunder hat die Künstlerin Beate Heinen in ihrem diesjährigen Weihnachtsbild, das wir jetzt betrachten, anschaulich dargestellt:

„Du Trost für die ganze Welt“ ist der Titel, den Beate Heinen ihrem Bild gegeben hat. Wie ein Holzschnitt wirkt es. Braun-beige, erdfarbene Töne überwiegen. Im Vordergrund und Zentrum des Bildes Maria mit dem Kind. Sie kniet neben der Krippe, hält das Kind liebevoll an sich geschmiegt mit übergroßen Händen und birgt es auf ihrem Schoß, beinahe so, als wolle sie es schützen vor den Gefahren, die ihm außerhalb des Stalles drohen. Marias Augen sind geschlossen, sie ist in sich gekehrt, ganz ihrem Kind zugewandt, in diesem besonderen Moment ohne Blick für das, was draußen geschieht. Josef steht an der Tür, blickt hinaus, scheint den heiligen drei Königen zum Abschied zu winken, die sich in die Schar der wandernden Menschen im Hintergrund, die wie sie den neugeborenen Heiland besucht haben, einreihen. Josef verbindet mit seinem Blick, seinem winkenden Arm das Geschehen im Stall mit der Welt draußen. Jesu Blick scheint auf Maria gerichtet zu sein und doch zugleich weiter, in die Ferne und Zukunft zu gehen. Viel älter und reifer schon wirkend, streckt Jesus kraftvoll die Beine aus, beinahe wie auf dem Sprung, so als sei er bereit und fest entschlossen, seine Füße auf die leidgeprüfte Erde zu setzen, zu den Menschen hinzugehen, ihnen zu schenken, wonach sie sich sehnen, als sei er willens, den Tatsachen der irdischen Realität aufmerksam in die Augen zu schauen, sich den kommenden Aufgaben und Herausforderungen zu stellen. Die Krippe vermag ihn schon nicht mehr zu halten, zu sehr drängt es ihn zu den Menschen. Und so geht ein Glanz und starkes Licht von ihm aus, erhellt den Stall, taucht vor allem die Berge, die die Menschen bewältigen müssen, in ein leuchtendes Strahlen, bringt selbst den Schnee zum Glänzen, vertreibt die Nacht. Die das Kind gesehen haben, Maria und Josef begegnet und wieder unterwegs sind, gehen verändert weiter, kehren vom Licht berührt in ihren Alltag zurück. Die herzliche Liebe der drei, die Ausstrahlung des Heilandes, in die sie für Momente eintauchen durften, tat ihren Seelen gut, eröffnete ihnen hoffnungsvolle Lichtblicke, tröstete und ermutigte sie. Was sie gesehen und empfangen haben, werden sie weitersagen, das Licht weitertragen, mit ihrer Liebe hie und da ein kleines Stück Erde in ein kleines Stück Himmel verwandeln.
Wir gehören auch dazu! Wir sind heute zu Gast an der Krippe, werden von Jesus beschenkt, empfangen Licht und Liebe, auf dass auch wir gestärkt und ermutigt unseren Weg weitergehen, in unseren Alltag zurückkehren und selbst zu Lichtträgern werden können. Bewahren wir die wunderbaren Worte von Freude, Heil und Frieden darum in unserem Herzen, auf dass sie uns nicht nur heute, sondern alle Tage trösten, wärmen, gut tun und motivieren mitzuhelfen, dass sie wahr werden.

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