Predigt am 24.12.2017 (Christmette) Bildbetrachtung

Uns tut die Stille in dieser Stunde am Heiligen Abend gut! Nach den Strapazen, dem Lärm und Trubel der letzten Wochen, Tage und vielleicht sogar Stunden kommen wir hier in der Kirche zur Ruhe, atmen auf, entspannen langsam, besinnen uns auf den eigentlichen Sinn von Weihnachten! Viele von uns freuen sich auf einige entspannte Tage mit Zeit und Muße.

Nicht alle Menschen in unserer kleinen und großen Welt freuen sich auf das Fest. Manche sind sehr traurig, denn sie haben einen lieben Menschen verloren, erleben das Fest der Familie vielleicht erstmals ohne ihn, empfinden schmerzlich die unersetzliche Lücke. Einige haben Sorge, dass die Feiertage nicht ohne Streit und Konflikt in der Familie vorübergehen, es wieder zu Auseinandersetzungen und unschönen Diskussionen kommen wird. Andere sind vielleicht mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert, krank an Leib oder Seele, ihrer Lebensfreude beraubt, deprimiert und niedergeschlagen. Manche sorgen sich um ihre Zukunft, ihren Arbeitsplatz, ihren Lebensunterhalt, ihr Zuhause. Obdachlose sind damit beschäftigt, diese kalten Nächte irgendwie und irgendwo einfach nur zu überstehen, hin und wieder wenigstens etwas Wärme tanken zu können. Und Menschen in vielen anderen Ländern dieser Welt haben noch ganz andere Sorgen und Nöte, weil bei ihnen Willkür und Unrecht, Krieg und Terror, Naturkatastrophen und Zerstörung herrschen. Manchmal mögen wir ja schon gar nicht mehr die Nachrichten hören, weil sie so voller Schreckensmeldungen und immer neuer Triumphe des Bösen über das Gute sind. Auch in diesem Jahr wird es für viele Menschen keine „Stille Nacht“, keine „Heilige Nacht“, sondern eine unruhige, traurige Nacht sein, in der ihnen nicht zum Feiern und Freuen zumute ist.

Das diesjährige Weihnachtsbild der Künstlerin Beate Heinen trägt den Titel „Stille Nacht“. Nehmen wir uns einen Moment Zeit und Ruhe, es zu betrachten …

Wie ein Glasfenster wirkt das Bild! Im Zentrum, in strahlendes, leuchtendes Rot, die Farbe der Liebe gewandet, zugleich von himmlischem Blau gestreift, die Heilige Familie. Innig stehen sie zusammen, bilden eine Einheit und Harmonie, sind wie in einem Kreis miteinander verbunden, tragen und stützen sich gegenseitig. Beide Eltern halten behutsam das neugeborene Kind – Maria mit ihrem rechten Arm den Oberkörper, Josef mit seiner kräftigen Hand von unten. Beide haben sie die Augen geschlossen, verharren still und regungslos, andächtig und dankbar das göttliche Wunder der Heiligen Nacht bestaunend. Das Kind in ihren Händen hat im Unterschied zu ihnen die Augen weit geöffnet, blickt uns direkt an und in die Augen. Dieser Blick verbindet uns mit dem Bild, nimmt uns mit hinein in das Geschehen dieser besonderen Nacht, fordert uns zu einer Antwort heraus. Verstärkt wird diese Verbindung durch die weit und einladend geöffneten Arme des bereits erwachsen wirkenden Jesuskindes. Es wirkt, als wolle er uns einladen zu sich, uns in die Arme schließen, uns leibhaftig seine Liebe und Freundschaft spüren lassen. Wir entscheiden, ob wir zu ihm gehen, seine Nähe annehmen, seine Liebe erwidern. Er ist da, hellwach mitten in der Nacht, bereit, uns herzlich zu umarmen. Wir können uns fallenlassen, uns von ihm halten und auffangen lassen. Er ist stark, getragen von der Liebe seiner Eltern, die hinter ihm stehen, von Gott, der ihm das Leben gab und ihn zu seinem geliebten Sohn auserkor. Die drei stehen unter einem guten Stern. Links oben, groß und hell leuchtet er, verleiht dieser Heiligen Nacht einen besonderen Schein, führt die Suchenden zu ihrem Ziel. Unter dem Stern, ebenso groß und unübersehbar, die weiße Taube. Sie bringt Bewegung in das Bild. Die Taube ist Symbol, sichtbare Gestalt für den Heiligen Geist. Er hat, so erzählt es das Evangelium, daran mitgewirkt, dass Jesus auf die Welt gekommen ist, ist die unsichtbare, lebendig machende, göttliche Energie, die Himmel und Erde, Gott und Mensch miteinander verbindet. So zeigt das Bild gleichsam eine doppelte Trinität: Die menschliche Dreierbeziehung der Heiligen Familie mit Vater, Mutter und Kind. Links davon, sie geradezu spiegelnd, die göttliche Trinität mit Gott Vater, symbolisiert im Licht, im Stern, Jesus dem Sohn und dem Heiligen Geist in Gestalt der Taube. Jesus gehört zu beiden, ist wahrer Mensch und wahrer Gott! Und Gott samt Heiligem Geist nehmen Maria und Josef in ihren Dienst, machen sie zu Gefäßen der himmlischen Energie und schenken durch sie dem Heiland und Erlöser der Welt das Leben. So menschlich in jeder Beziehung kommt Gott zu uns, blickt uns liebevoll an, schließt uns in die Arme.

Der Theologe und Ordensbruder Ludger Schmitz schreibt zu diesem Bild:

„Stille und Ruhe sind es, die beim ersten Betrachten dieses Bildes sofort als bestimmendes Wesensmerkmal wahrgenommen werden. Für manche von uns sind dies sicherlich auch wichtige Anteile der eigenen, persönlichen `Weihnachtserfahrung´. Damals wie heute bleiben die Erfahrung einer solch friedvollen Ruhe und intensiv spürbaren Stille für viele Menschen jedoch eine große Sehnsucht. Und doch ist es so, das Wunder der Weihnacht bleibt geheimnisvolle, stärkende Wirklichkeit in aller Unruhe, allem Leid und allem Schrecken.

Diese Wirklichkeit bringen Maria und Josef mit ihrem ganzen Sein zum Klingen. Sie stellen sich nicht nur mit Leib und Seele in den Dienst dieser frohen Botschaft, sondern werden selbst, so wie sie sind, zum Resonanzkörper für die Menschwerdung Gottes. Gemeinsam mit dem Kind bilden sie eine Einheit, die zur zentralen Verkündigung wird. `Heute ist euch der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr´ (Lk 2,11). Ja, die Botschaft von Weihnachten kennt keine Zeit. Damals wie heute will Gott uns Menschen zum Lebensgeschenk werden. Gott wählt für seine Menschwerdung einen solchen Ort der Stille, ganz im Abseits des Weltgeschehens. Er kommt nicht mit Macht, sondern mit großer Ohnmacht und zeigt sich der Welt im Schutz der Familie. Maria und Josef verschließen nicht die Augen vor der Wirklichkeit, sondern sie wissen, das Wesentliche erkennen wir nur mit dem Herzen. Sie selbst werden zum Schutzraum für das neue Leben, welches mit ausgebreiteten Armen und geöffneten Augen ganz Zuwendung ist und die Herzmitte bildet.

Der Geist Gottes wird zum Zeugen dieser Geburtsstunde und beseelt mit seiner Wirkkraft die Hoffnung des werdenden Lebens. Steht dieser Geist hier vielleicht schon als Vision für die spätere Geburtsstunde der Kirche am Pfingstfest?

Und auch heute ist es wahrhaft so, mitten in den Schreckensbildern unserer Welt haben die Lebens- und Liebeszeichen Gottes unübersehbar ihren Platz. Wie Maria und Josef sich hier in Dienst nehmen lassen, sollen auch wir zu Trägerinnen und Trägern dieser frohen Botschaft von Weihnachten werden.

Maria, das Kind nah an ihrem Herzen, scheint wie ein Hinweis auf ihr Wesen zu sein, wenn wir bei Lk 2,51 lesen können: `Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.´

Und dann ist da noch Josef, der dem Kind mit seiner Hand behutsam Halt gibt und so zum stillen Begleiter auf dem Weg in das Leben wird.

Ja, in diesem Bild leuchtet in behutsam und doch kraftvoll angedeuteten Linien und Farben die unüberhörbare Botschaft dieser Nacht auf. Wir nehmen sie wahr in der Stille der Nacht, weil sie unüberhörbar von der tief in unserem Herzen lebenden Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe und grenzüberschreitendem Frieden kündet. Und über allem schwebt Gottes Geist als leuchtender Stern und angedeutet in der Gestalt der Taube. Beide Himmelsboten bezeugen diese Sternstunde der Menschheit. Gebe Gott uns Kraft, Mut und Fantasie, damit auch wir immer mehr zu Sterndeutern, Geistboten, Gebärenden, Beschützenden und mit Leib und Seele zu Resonanzkörpern der Weihnachtsbotschaft werden.“ (Bildmeditation Klosterverlag Maria Laach)

Pfarrerin Heike Schuffenhauer


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