Predigt am 24.12.2017 (Christvesper) zu Jes 9, 1-6

Für viele Protestanten und die Ev. Kirche weltweit war 2017 ein besonderes Jahr. Wir haben uns an Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren erinnert, mit dem er, eher ungewollt, die Reformation in Gang setzte und die Gründung einer neuen christlichen Kirche ins Rollen brachte. So haben wir quasi den 500. Geburtstag der Ev. Kirche begangen und den Reformationstag in diesem Jahr besonders festlich gefeiert. Im Grunde ist auch Weihnachten ein Reformationsfest! Denn mit der Geburt von Jesus ist etwas sehr Neues in die Welt gekommen. In ihm, diesem kleinen, ganz und gar auf die Hilfe seiner Eltern angewiesenen Baby, kommt Gott persönlich zu uns, macht er sich ganz klein, um uns im wahrsten Sinne des Wortes „menschlich“ zu begegnen. Das gibt es in keiner anderen Religion, dass Gott selbst sich derart erniedrigt, (an)greifbar mitten in unsere Welt eingeht, Teil ihrer wird, seiner Liebe zu den Menschen ein Gesicht gibt, als einer von uns unter uns lebt. Weil das geradezu revolutionär ist, nennen die Christen seit alters her jenen zweiten Teil der Bibel, der von Jesus und den ersten Christen erzählt, „Neues Testament“. Und das liturgische Jahr, das Kirchenjahr, beginnt mit dem Advent, der Vorbereitungszeit auf die Ankunft des himmlischen Kindes. Weihnachten ist ein Reformationsfest! Gott wird Mensch und durchkreuzt damit alle Vorstellungen und Bilder, die wir uns von ihm machen. Er ist nicht der alte Mann, der mit langem Rauschebart Pfeife rauchend fernab auf einer Wolke thront, er ist nicht die ferne, himmlische Macht jenseits, sondern er kommt zu uns in einem Kind, schwach und ohnmächtig, wehrlos und ausgeliefert. Immer wieder erzählt die Bibel davon, dass genau das Gottes Art ist, sich uns zu zeigen. In einer meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel wird das sehr anschaulich deutlich. Der Prophet Elia hatte sich mit Feuereifer und demonstrativen Machtbeweisen für Gott eingesetzt, in einem aufsehenerregenden Wettstreit den Gott der anderen, Baal, als unwirksam und nichtig bloßgestellt, sich in diesem Kampf völlig verausgabt und schließlich lebensmüde in die Wüste zurückgezogen. Ein Engel weckt ihn zweimal sanft, reicht ihm liebevoll geröstetes Brot und Wasser, stärkt und ermutigt ihn, weiterzuleben und weiterzugehen. So geht er, kommt zum Gottesberg, wo Gott ankündigt, ihm zu erscheinen. Und während er darauf wartet, lernt Elia, dass Gott weder im stürmischen Orkan noch zerstörerischen Erdbeben oder Feuer gegenwärtig ist, sondern sich im leisen, sanften Windhauch zeigt. Darin steckt die tiefe Botschaft, die sich an Weihnachten in einmaliger Weise fortsetzt, dass Gott uns am liebsten still und unscheinbar, im Kleinen und Schwachen, begegnet.

Die verheißungsvollen Worte der Bibel, die dem heutigen Heiligabend zugrunde liegen, erinnern uns eindrücklich daran:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth. (Jes 9,1-6)

Die Geburt eines Kindes ist der rettende Lichtblick, Grund für Freude und Frieden. Aller Dunkelheit und Gewalt, allem Machtgebaren der Despoten dieser Welt setzt Gott ein Kind entgegen! Nach menschlichen Maßstäben völlig verrückt, aussichtslos, ohne jede Chance auf Erfolg. Doch genau dieses Kind, so die Überzeugung des biblischen Propheten im Auftrag Gottes, wird es richten, wird mit Gottes Hilfe umfassenden Frieden herbeiführen so wie einst sein berühmter Vorfahr König David.

Und haben wir das nicht auch schon erlebt, dass Kinder, bereits Babys, tatsächlich große Wunder vollbringen, Menschen verwandeln, Herzen erweichen, den griesgrämigsten Mann zum liebevollsten Opa machen können? Als weiteres Beispiel denke ich an die pakistanische Kinderrechtlerin Malala Yousafzai, die 2014 mit 17 Jahren als jüngster Mensch überhaupt den Friedensnobelpreis erhalten hat. Zwei Jahre zuvor hatten die Taliban ihr bei einem Anschlag ins Gesicht geschossen und sie schwer verletzt, doch unbeirrt setzt sie sich weiterhin mutig für die Rechte von Mädchen und Frauen, insbesondere auf Bildung, ein. Auch in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises mahnte sie das prominente Publikum, auf Bildung für alle Kinder hinzuarbeiten. Wörtlich sagte sie: „Manche werden sagen, das ist nicht praktikabel oder zu teuer oder zu schwierig, oder sogar unmöglich. Aber es ist Zeit, dass die Welt größer denkt.“ (www.shz.de)

Eine Jugendliche lehrt die Erwachsenen, worauf es ankommt und was ihre vorrangige Aufgabe ist. Gott wirkt durch Kleine Großes und stellt unsere Maßstäbe dabei immer wieder erstaunlich auf den Kopf! Wie heißt es im Evangelium: „Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.“ (Mt 20,16) Und wie zur Veranschaulichung dieses Satzes stellt Jesus seinen Jüngern, als sie sich darüber streiten, wer von ihnen denn in Gottes neuer Welt der Größte sei, ein Kind in die Mitte mit den Worten:

„Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,3-5)

Jesus bleibt auch als Erwachsener Kind, gegenwärtig in jedem Kind, in jedem Menschen, der auf Hilfe und Zuwendung angewiesen, der bedürftig und sich seiner Grenzen bewusst ist. In diesem Sinne sollen wir auch als Erwachsene Kind sein - unbesorgt und voller Vertrauen, verspielt und verträumt, nicht auf Leistung, sondern auf Lebensfreude bedacht. Und manche von uns werden an Weihnachten ja tatsächlich wieder wie die Kinder: Sie erfreuen sich an der Spielzeugeisenbahn des Sohnes, setzen mit dem Nachwuchs eifrig Legobauteile zusammen oder rodeln, sofern es Schnee gibt, mit Wonne den Hang hinab! Weihnachten ist, so gesehen, ein Fest der Kinder für uns alle! Wir dürfen loslassen, entspannen, uns dem Augenblick hingeben, die Zeit und Sorgen vergessen, träumen und spielen, Kind sein …!

Gott liebt es klein und die Kleinen! In ein Kind in Windeln hüllt er seine Liebe zu den Menschen ein, in einem Stück Brot bleibt dieses Kind erwachsen geworden beim Abendmahl in uns gegenwärtig, und sein Kreuz, der Ort größter Schwäche und Ohnmacht, wird zum Symbol des Lebens und der Hoffnung.

Gott tickt anders als wir! Immer schon und erst recht an Weihnachten zeigt er uns, dass er nicht auf Macht und Stärke, sondern Liebe und Mitmenschlichkeit setzt, nicht sensationell aufsehenerregend, sondern unspektakulär mitten im Alltag durch unscheinbare Zeichen und Gesten wirkt und dadurch Wunder vollbringt.

Davon erzählt wunderbar der niederländische Theologe und Dichter Huub Oosterhuis in folgender Geschichte:

Der Wolf an der Krippe

Es war einmal ein Wolf. Er lebte in der Gegend von Bethlehem. Die Hirten wussten um seine Gefährlichkeit und waren allabendlich damit beschäftigt, ihre Schafe vor ihm in Sicherheit zu bringen. Stets hatte einer von ihnen Wache zu halten, denn der Wolf war hungrig, listig und böse.

Es war in der Heiligen Nacht. Eben war der wundersame Gesang der Engel verstummt. Ein Kind sollte geboren worden sein, ein Knabe. Der Wolf wunderte sich sehr, dass die rauen Hirten allesamt hingingen, um ein Kind anzusehen. „Wegen eines neugeborenen Kindes solch ein Getue“, dachte der Wolf. Aber neugierig geworden und hungrig, wie er war, schlich er ihnen nach. Beim Stall angekommen, versteckte er sich und wartete.

Als die Hirten nach der Huldigung an Jesus sich von Maria und Josef verabschiedeten, hielt der Wolf seine Zeit für gekommen. Er wartete noch, bis Maria und Josef eingeschlafen waren; die ausgestandene Sorge und Freude über das Kind hatten sie sehr müde gemacht.

„Umso besser”, dachte der Wolf, „ich werde mit dem Kind beginnen.” Auf leisen Pfoten schlich er in den Stall. Niemand bemerkte sein Kommen. Allein das Kind. Es blickte voll Liebe auf den Wolf, der sich, Tatze vor Tatze setzend, lautlos an die Krippe heranschob. Er hatte den Rachen weit geöffnet und die Zunge hing ihm heraus. Er war schrecklich anzusehen.

Nun stand er dicht an der Krippe. „Ein leichtes Fressen”, dachte der Wolf und schleckte sich begierig die Lefzen. Er setzte zum Sprung an. Da berührte ihn behutsam und liebevoll die Hand des Jesuskindes. Das erste Mal in seinem Leben streichelte jemand sein hässliches, struppiges Fell und mit einer Stimme, wie der Wolf sie noch nie vernommen hatte, sagte das Kind: „Wolf, ich liebe dich.”

Da geschah etwas Unvorstellbares – im dunklen Stall von Bethlehem platzte die Tierhaut des Wolfes – und heraus stieg ein Mensch. Ein wirklicher Mensch. Der Mensch sank in die Knie, küsste die Hände des Kindes und betete es an.

Alsdann verließ er den Stall – lautlos, wie er zuvor als Wolf gekommen war – und ging in die Welt, um allen zu künden: Dieses göttliche Kind kann dich erlösend berühren!  (Huub Oosterhuis)

Die Liebe ist die erlösende Kraft, die Frieden schafft, uns und unsere Welt rettet! Gut und heilsam, dass wir daran an Weihnachten immer wieder neu erinnert, ja selbst von dieser göttlichen Liebe berührt werden! Auch so gesehen ist Weihnachten tatsächlich ein Reformations-, ein Erneuerungsfest! Wie schrieb mir dieser Tage ein Bekannter:

„Es kommt immer wieder. Wieder neu. Im alten Gewand.

Weihnachten.“ (Wolfgang Kroeber)

Und auf der Weihnachtskarte einer Freundin, die sich seit kurzem ihres ersten Enkelkindes erfreut, stand bestens zu meinem Predigtthema passend:

„Das Geheimnis der Weihnacht besteht darin,

dass wir auf unserer Suche nach dem Großen und Außerordentlichen

auf das Unscheinbare und Kleine hingewiesen werden.“

(Quelle unbekannt)

Halten wir nach dem Kleinen und Unscheinbaren Ausschau, offenen Auges und Herzens und entdecken Gottes Spuren mitten in unserem Alltag!

Pfarrerin Heike Schuffenhauer


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