Predigt am 14.01.2018 zu 1 Kor 2,1-12 am 2. So.n.Epiphanias

Wir leben in einer Welt, in der Kraft, Gesundheit, Schönheit, Durchsetzungsvermögen zählen. Wer nicht gerade eine Mannequinfigur hat oder topaktuelle Markenklamotten trägt, wer eher schüchtern und zurückhaltend, gar krank oder behindert ist, hat es in unserer Leistungsgesellschaft nicht leicht. Gerade dieser Tage habe ich vom Schicksal eines Mannes mittleren Alters gehört. Einst war er in Kronberg bei mir im Religionsunterricht. Jetzt habe ich seine Eltern kennengelernt und Kontakt mit ihnen. Vor gut 10 Jahren hatte ihr Sohn, ihr einziges Kind, einen Hirntumor – eine schwere Zeit für die ganze Familie, die sie mit vereinten Kräften bestmöglich meisterte. Der junge Mann kämpfte sich mit unbändiger Energie und Zuversicht ins Leben zurück. Höchst erfolgreich hatte er Germanistik studiert, in den letzten Jahren dann zusätzlich eine Ausbildung in der Verwaltung einer großen Stadt nicht weit von uns entfernt absolviert. Im Herbst vergangenen Jahres erlitt der Mann einen Schlaganfall, ein weiterer enormer Rückschlag auf dem schweren Weg in ein normales Leben. Erneut durchstand er, von seinen Eltern wiederum tatkräftig unterstützt, tapfer und trotz allem frohgemut die mühsamen Wochen mit Krankenhausaufenthalt und wochenlanger Reha, ist dank seines eisernen Trainings zu 95% wieder hergestellt. Ein kleines bisschen langsamer ist er eben, auch das Sprechen holpert vielleicht manchmal noch ein ganz klein wenig, das Laufen läuft nicht ganz rund, doch ansonsten funktioniert alles gut. Wie gerne möchte er schnellstens wieder arbeiten, eine Aufgabe haben, gebraucht werden, sein eigenes Geld verdienen. Doch sein Arbeitgeber, wohlgemerkt eine große Stadtverwaltung, hat ihm kurz und bündig mitgeteilt, dass sie ihn nicht länger beschäftigen könne. Selbst ein Gespräch des Vaters mit dem Bürgermeister, beide Angehörige der gleichen Partei, hat daran nichts ändern können. Zurück bleiben traurige Eltern und ein Mann, der trotz seiner Einschränkungen über ganz viel Potential und Fähigkeiten verfügt, doch diese in unserer Berufswelt zumindest im Moment nicht einbringen kann. Und eine neue Stelle zu finden, wird für ihn gewiss nicht so einfach. Auch auf Lebenszeit verbeamtet wird nur, wer kerngesund und auf keinen Fall übergewichtig ist. Da denke ich an die junge angehende Lehrerin, in deren Familie ein genetisch bedingter Brustkrebs aufgetreten ist. Dringend müsste sie sich einer Untersuchung unterziehen, ob auch sie davon betroffen sein könnte. Doch sie muss damit warten, bis ihre Verbeamtung erfolgt ist, weil diese sonst womöglich in Frage gestellt sein könnte. Und wer, aus welchen Gründen auch immer, zu viele Kilo auf die Waage bringt, hat ebenfalls keine Chance, den begehrten Beamtenstatus zu erlangen. Natürlich kann man verstehen, dass ein Staat keine absehbaren oder auch unkalkulierbaren Risiken und finanzielle Verpflichtungen eingehen möchte, denen nur eine schwächere oder im Ernstfall überhaupt keine Gegenleistung gegenübersteht. Doch wie verletzend und demütigend wirkt das auf die betroffenen Menschen, zumal jene, die einst anstandslos verbeamtet wurden, ja auch nicht automatisch vor Krankheit, Behinderung oder zunehmendem Gewicht gefeit sind. Auch dass in Rheinland-Pfalz eine Frau an der Spitze steht und die Geschicke des Landes führt, die (obendrein) seit vielen Jahren an MS erkrankt und bei längeren Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen ist, führt immer wieder einmal zu kritischen Nachfragen, ob sie denn den Anforderungen ihres Amtes überhaupt gewachsen sei …

Wer bei uns vorankommen und Karriere machen will, muss eigentlich stark, schön und gesund sein. Oder er sollte berühmt sein wie Samuel Koch, der seit seinem tragischen Unfall bei der Fernsehsendung „Wetten, dass“ querschnittgelähmt ist, doch auf Grund seiner Bekanntheit und besonderen Geschichte jede erdenkliche Hilfe und Unterstützung erhalten hat, um ein weitmöglich selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dass die Gentechnik die bislang noch nicht praktizierte Möglichkeit eröffnet, Babys von der Augenfarbe bis zum Körperbau ganz nach eigenem Wunsch designen und ideal gestalten zu können, ist weiterer Ausdruck der permanenten Selbstoptimierung des Menschen. Hauptsache gesund, Hauptsache schön, Hauptsache stark!

Der Apostel Paulus zeichnet in seinen folgenden Ausführungen im 1 Korintherbrief ein gegenteiliges Bild, das die Stärke in der Schwachheit sieht:

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. (1 Kor 2,1-10)

„Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“

Bei uns hätte so einer wenig Chancen! Er würde vermutlich ausgelacht, nicht ernstgenommen, schonungslos „gedisst“! Doch für Paulus passt sein eigenes zagendes, wenig spektakuläres Auftreten bestens zu Jesus, der sich ebenfalls nicht mit aufsehenerregenden Demonstrationen und Krafterweisen durchgesetzt hat, sondern wesentlich kraft seiner Worte wirkte und seine Wunder lieber still, abseits von der großen Menge und Öffentlichkeit vollbrachte. Und ganz am Ende, am Kreuz, da war Jesus ja ganz und gar schwach, unansehnlich von Schmerzen gezeichnet, völlig ausgeliefert der Macht und Willkür anderer, die ihn gnadenlos mundtot machen und aus dem Weg räumen wollten. Er wehrte sich nicht, gebrauchte auch in der größten Bedrohung keine Gewalt, betete sogar für seine Peiniger: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34)

Und ist das nicht tatsächlich eine viel größere Stärke, die sich nicht brutal durchsetzt, nicht auf Äußerlichkeiten beruht, nicht um eine perfekte Fassade bemüht ist, sondern die aus innerer Kraft heraus standhält, Schweres geduldig erträgt, Unbequemes sagt und wagt, gegen den Strom schwimmt, äußerlich schwach, doch innerlich stark wirkt?

An anderer Stelle schreibt Paulus eindrucksvoll davon:

9 Der Herr hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2 Kor 12,9f)

Das ist ein krasser Gegenentwurf zu unserem weit verbreiteten Ideal von Stärke, Leistung und Schönheit, das uns auf allen Kanälen und Medien, von der Werbung bis zum sorgfältig retuschierten Porträt auf dem Wahlplakat ständig vor Augen gemalt wird. Das Lob der Schwachheit durchkreuzt und stellt unsere weithin üblichen Maßstäbe radikal in Frage, erinnert uns an das, was eigentlich wesentlich ist und stärkt die Schwachen. Und wer von uns kennt nicht solche Situationen, in denen wir das selbst auch schon gewesen sind – am Ende unserer Kraft und Weisheit, erschüttert in unserem Selbstbewusstsein, konfrontiert mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Grenzen. Wie gut tut es dann, sich an eine bergende Schulter anlehnen, Unterstützung bei einem lieben Menschen finden, Halt bei Gott finden zu können! Wer schwach ist, ist sich seiner Bedürftigkeit bewusst und umso dankbarer für jede Hilfe und alles, was ihm geschenkt und anvertraut ist. Und wer seine eigenen Grenzen kennt, versteht andere mit ihren Einschränkungen umso besser, kann ihnen desto einfühlsamer und hilfreicher begegnen, sie mit den Augen des Herzens inwendig wahrnehmen. In diesem Sinne wünsche ich jenem leidgeprüften Mann, von dem ich eingangs erzählte, dass er Menschen findet, die trotz und in seinen Schwächen seine Stärken sehen, die ihm helfen, seine Talente zu entfalten und einen Platz zu finden, an dem er der sein kann, der er ist. Und ich wünsche ihm, dass er trotz seiner Schwächen innerlich stark und zuversichtlich bleibt – angesichts seiner eigenen Fähigkeiten und im Vertrauen auf Gottes Hilfe, dessen Kraft gerade in den Schwachen wirkt und zur Geltung kommt! Amen.

 Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 

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