Predigt am 11.06.2017 zum Sonntag Trinitatis "Suchet der Stadt Bestes!"- zur Eröffnung des Familienzentrums

Mit dem Familienzentrum erfüllen wir einen biblischen Auftrag! Da steht es nämlich schon ausdrücklich, aufgeschrieben vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden:Suchet der Stadt Bestes! (Jer 29,7a)Das ist unsere Aufgabe, uns für das Wohl Eppsteins einzusetzen!Doch was ist das Beste für eine Stadt? Was dient ihrem Wohl?Das Beste einer Stadt ist, wenn sich die Menschen in ihr wohlfühlen, gerne und in Frieden dort leben, Heimat finden, es allen, von den Kindern bis zu den Alten, von den Gesunden bis zu den Kranken und Sterbenden so gut wie in ihrer Situation nur irgend möglich geht.Ganz viele Bürgerinnen und Bürger Eppsteins, Hauptamtliche, die dafür bezahlt werden, und vor allem jede Menge Ehrenamtliche wirken in diesem Sinne höchst tatkräftig zum Wohle, zum Besten unserer Stadt, sind aktiv in der Politik, in zahlreichen Vereinen und Gruppen oder engagieren sich oft unbemerkt jenseits offizieller Strukturen für andere in ihrer Nachbarschaft und Umgebung. Auch wir als Kirchengemeinde gehören dazu.Wesentlicher Sinn und Zweck des Familienzentrums ist es nun, diese vielen Angebote und Aktivitäten, die es in unserer Stadt bereits gibt, noch besser zu bündeln, zu kommunizieren und enger miteinander zu vernetzen. Und es geht darum, Projekte noch intensiver und selbstverständlicher als bisher gemeinsam anzupacken, zusammenzuarbeiten, im anderen nicht den Konkurrenten, sondern den Kooperationspartner zu sehen, mit dem gemeinsam sich ein noch besseres Ergebnis erzielen lässt. In den ersten Wochen unseres Familienzentrums haben wir damit bereits gute Erfahrungen gemacht, sind ins Gespräch gekommen miteinander, haben erste Ideen entwickelt, Pläne geschmiedet und auch schon begonnen, umzusetzen.Außerdem ist ein wesentliches Ziel, noch genauer den Bedarf der Bewohnerinnen und Bewohner Eppsteins zu erheben. Was brauchen Menschen unterschiedlichen Alters und Lebenssituation bei uns, um sich ihres Lebens erfreuen zu können? Wo können wir sie entlasten, ihnen hilfreichen Rat geben, ein Angebot machen, das ihnen gut tut? Wie können wir ihnen Räume eröffnen, einander zu begegnen und sich einzubringen mit ihren jeweiligen Talenten und Möglichkeiten? Auch darum wird es gehen, schlummernde Talente zu wecken, Menschen zu ermutigen, das, was sie besonders gut können, wofür sie sich interessieren, worin sie Experten sind, einzusetzen zur Freude und Bereicherung anderer. Der Apostel Paulus – das haben wir vorhin in der Lesung gehört – beschreibt dies in dem anschaulichen Bild vom Körper und den einzelnen Körperteilen, dem Leib und den Gliedern. Niemand kann alles und braucht alle Funktionen alleine zu erfüllen, sondern die einzelnen Teile ergänzen einander und fügen sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Und alle sind dabei wichtig, keines unverzichtbar. In der Antike war dieses Bild vom menschlichen Körper zur Beschreibung einer Gemeinschaft, eines Gemeinwesens sehr verbreitet, weil gut nachvollziehbar und einleuchtend.Wir als Talkirchengemeinde möchten gerne unseren Beitrag zum Ganzen leisten. So haben wir uns sehr gefreut, bei unserer Veranstaltung Mitte Mai, als wir Verantwortliche und Entscheidungsträger in unserer Stadt über unser Vorhaben Familienzentrum informiert haben, ausnahmslos Zustimmung und positives Echo zu erfahren. Auch dass wir uns als Talkirchengemeinde quasi den Hut aufsetzen und die Trägerschaft übernehmen, wurde einhellig begrüßt. Ich bin davon überzeugt, dass das tatsächlich großen Sinn macht, bringen wir doch als Kirchengemeinde viele Potentiale mit, die das Vorhaben gut fördern und beflügeln können. In fünf Punkten möchte ich dies deutlich machen, nicht um uns selbst zu loben, sondern unsere Talente einzubringen zur Freude vieler:1. Kirchliches Gemeindeleben zeichnet sich aus durch eine große Nähe zu den Menschen. Wir begleiten sie an einschneidenden Nahtstellen ihres Lebens, sind unmittelbar und kostenlos für sie da in freudigen oder traurigen Momenten, kommen ihnen nahe vom Anfang des Lebens (etwa bei der Taufe oder in unserer Krippe und Kita) bis ganz am Ende, wenn sie Abschied nehmen und in die neue Welt jenseits unseres Sehvermögens hinübergehen. Wir stehen Menschen bei in Höhen und Tiefen, sie geben uns Einblick in ihr Leben und ihre Seele, schenken uns selbstverständlich ihr Vertrauen und wissen, dass alles, was sie uns unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen, bei uns gut aufgehoben ist, nur in unserem Ohr und Herzen bleibt.2. Weil wir so intensiv und unmittelbar im Gespräch mit Menschen sind, erfahren wir auch viel von ihnen, entdecken ihre besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen und können sie motivieren, diese bei uns einzusetzen. In unserer Kirchengemeinde gibt es vielfältige Räume und Möglichkeiten, sich mit seinen Interessen und Kompetenzen einzubringen, zum Gelingen des Ganzen beizutragen, Anerkennung und Bestätigung zu erfahren. Nahezu alles ist bei uns denkbar, was Menschen erfreut und gut tut, die Gemeinschaft fördert, uns näher zueinander und vielleicht auch Gott auf die Spur bringt. So gesehen ist eine Kirchengemeinde auch eine Art Talentschmiede und -bühne, wo ich Mensch sein darf für mich und andere.3. Als Talkirchengemeinde haben wir bereits langjährige und umfangreiche Erfahrungen im Engagement für das Gemeinwohl. Seit etlichen Jahrzehnten schon betreiben wir einen Kindergarten, seit knapp fünf Jahren außerdem eine Kinderkrippe. Nach dem 2012 eröffneten Domizil Talkirche mit zehn Wohnungen unterschiedlicher Größe in Vockenhausen, die derzeit u.a. mehrere Rollstuhlfahrer bewohnen, wird voraussichtlich im Herbst dieses Jahres mit dem Bau unseres neuen Vorhabens „Wohnen in der Müllerwies“ begonnen werden. Auch hier soll barrierefreier Wohnraum schwerpunktmäßig für ältere und gehandicapte Menschen entstehen. Dass die Ev. Diakoniestation Niedernhausen dort einen Standort eröffnen, Pflege und Betreuung anbieten wird, macht das Projekt zusätzlich sinnvoll und nützlich für unsere Stadt, in der es an Wohnraum ohne Schwellen und Hindernisse mangelt. Ferner engagieren wir uns u.a. im Eppsteiner Vereinsring, was zusätzlich deutlich macht, dass wir nicht nur unsere eigenen Gemeindeglieder, sondern alle Menschen am Ort im Blick haben, was auch in meinem nächsten Punkt deutlich wird.4. Als Kirchengemeinde tragen wir nicht unerheblich zur Pflege kultureller Errungenschaften und Schätze bei. Allein unsere historische Talkirche stellt ein hohes Kulturgut und einen wesentlichen Orientierungspunkt in unserer Stadt dar. Man denke sie sich einfach einmal probehalber weg und erahne, was dann schon rein optisch fehlte ...! Unsere Kirche täglich zu öffnen, sie für die Menschen in Eppstein, aber auch Gäste und Touristen offen zu halten, war eine meiner ersten Amtshandlungen, als ich vor 24 Jahren nach Eppstein kam. Viele machen Gebrauch davon, kehren bei uns ein, und dies umso mehr auch, wenn wir zu Musik in der Talkirche einladen. Abgesehen davon, dass wir selbst sehr gerne musizieren - in mehreren Chören und Musikgruppen, veranstalten wir zahlreiche hörenswerte Konzerte, zu deren besonderen Highlights natürlich das gerade im Moment stattfindende Klavierfest gehört, zu dem Gäste weit über Eppsteins Grenzen hinaus angereist kommen.5. Schließlich leben und ermöglichen wir, was zentral zum Wesen einer Kirchengemeinde gehört: Wir bieten Oasen zum Atemholen des Herzens, Orte der Einkehr und Spiritualität, die Sinn und Halt vermitteln. Indem wir Menschen – ungeachtet ihrer weltanschaulichen Haltung und religiösen Einstellung, zu Gottesdiensten, Andachten, „Atempausen“ einladen, eröffnen wir Freiräume, der eigenen Seele Gutes zu tun, den inneren Menschen zu trainieren, zur Ruhe zu kommen, neue Kraft für den Alltag im Hören auf Gottes frohmachende Botschaft zu schöpfen, gemeinsam Gott zu loben und zu beten. In generationenübergreifender Gemeinschaft ermutigen wir uns gegenseitig in unserem christlichen Glauben, nehmen an den Sorgen und Freuden der anderen Anteil, schenken einander Zeit und Zuwendung. Indem wir gemeinsam beten, für uns und vor allem für andere, für unsere Stadt und Welt Fürbitte halten, treten wir stellvertretend für sie vor Gott ein und erbitten Gutes für sie, ganz im Sinne unserer biblischen Aufforderung, deren Fortsetzung lautet:Suchet der Stadt Bestes ... und betet für sie zum HERRN!Als Kirchengemeinde und Christen in dieser Stadt folgen wir diesem prophetischen Auftrag und sind dankbar für alle, die daran mitwirken, der Stadt Bestes zu suchen und von Gott zu erbitten, auf dass sie und die Menschen in ihr eine gute Zukunft erleben und teilen können. Der Prophet Jeremia nennt uns dazu eine überzeugende zusätzliche Motivation:Suchet der Stadt Bestes … und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.Pfarrerin Heike Schuffenhauer  Zurück zur Übersicht