Predigt am 10.09.2017 zu Mk 3, 31-35 am 13. So. nach Trinitatis

Liebe Konfis..., wie ergeht es Euch eigentlich mit Euren Eltern? Seid Ihr zufrieden mit den Beiden, denen Ihr Euer Leben und Auskommen verdankt? Habt Ihr das Gefühl, dass sie Euch verstehen und ernstnehmen, Euch helfen und unterstützen, wo immer Ihr sie braucht? Und habt Ihr ein gutes Verhältnis zu Euren Geschwistern, sofern Ihr welche habt? Versteht Ihr Euch, redet Ihr miteinander und tauscht Euch über das, was Euch beschäftigt, aus? Könnt Ihr Euch auf die, mit denen Ihr zusammenlebt, so richtig verlassen?

Liebe Erwachsene, wie ergeht es Ihnen in dieser Hinsicht? Leben Sie in einer glücklichen Familie? Kommen Sie gut miteinander aus, können Sie offen und vertrauensvoll über alles sprechen? Finden Sie, selbst wenn Sie unterschiedlicher Ansicht sind, trotzdem immer wieder zusammen und einen versöhnlichen Kompromiss? Und gelingt es Ihnen, auch zur jüngeren Generation, etwa zu Ihren Kindern oder Enkelkindern, zu Ihren Nichten und Neffen, zu Ihren Patenkindern einen guten Draht zu bekommen?

Wie klappt das Zusammenleben in Ihren/in Euren Familien? Seid Ihr/Sind Sie glücklich und rundum zufrieden mit den familiären Beziehungen, in denen Sie leben?

Einige unter uns können darauf bestimmt mit einem frohen und überzeugten “Ja” antworten. Ihnen ist das große Glück zuteil geworden, in einer harmonischen Familie leben zu können, in der es gelingt, das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen gemeinsam zu meistern. Andere unter uns werden dagegen von so mancher kleinen oder auch großen Krise innerhalb der eigenen Familie berichten können, von zermürbender Auseinandersetzung oder liebloser Gleichgültigkeit, die das Zusammenleben schwer mach(t)en, ja vielleicht sogar ganz zerstör(t)en. Ein Scherbenhaufen enttäuschter Hoffnungen, zerbrochener Beziehungen, der den Traum einer heilen Familie allmählich oder schlagartig zunichtemachte.

Und selbst, wen es nicht so hart getroffen hat, wer mit seiner Familie soweit zufrieden ist und weitgehend friedlich auskommt, weiß, wie viel Geduld und Kompromissbereitschaft es erfordert, damit das so klappt.

Wie tröstlich ist es da, aus dem Evangelium des heutigen Sonntages zu erfahren, dass wir mit diesen Erfahrungen in Sachen Familie in allerbester Gesellschaft sind...! Kein Geringerer als Jesus selbst hatte nämlich mit seiner Familie auch seine liebe Not und umgekehrt auch sie mit ihm:  Mk 3, 31-35

Jesus, so macht der Zusammenhang des Evangeliums deutlich, ist in der Stadt Kapernaum am See Genezareth in einem Haus eingekehrt, gefolgt von ganz vielen interessierten Leuten, die ihn kennenlernen und hören möchten. Zu ihnen spricht er, und zwar so intensiv und hingebungsvoll, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen haben. Die Familienangehörigen von Jesus hatten irgendwie erfahren, wo er sich aufhält und sich vom nicht weit entfernten Nazareth her aufgemacht, ihn zu treffen. Im Evangelium, wenige Verse vor dem eben gehörten Abschnitt, heißt es dazu:

„Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten sich seiner bemächtigen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“

So steht das wörtlich in der Bibel! Das heißt, die Familie von Jesus, seine Mutter und seine Geschwister (der Vater bleibt vollkommen unerwähnt!) halten ihn für total verrückt und wollen ihn gleichsam aus dem Verkehr ziehen! Wer wollte es ihnen verdenken! Jesus musste in ihren Augen ja so etwas wie ein Alternativer, ein Aussteiger, ein versponnener Weltverbesserer sein. Viele Jahre hatte er zuhause gelebt, war der brave und gelehrige Sohn gewesen, der eifrig gelernt und die heiligen Schriften studiert, fleißig im väterlichen Betrieb als Zimmermann gearbeitet und seinen eigenen Lebensunterhalt verdient hatte. Und dann, eines Tages, war er einfach von daheim weggegangen, hatte sich für einige Wochen völlig einsam in die Wüste zurückgezogen und ist dann als vagabundierender Wanderprediger umhergezogen, ohne festen Wohnsitz, ohne sicheres Einkommen, mit einer ungewissen Zukunft. Ständig sprach er von einer besseren, gerechteren Welt und versuchte sie selbst mit seinem alternativen Lebensstil schon ein Stück zu verwirklichen.

Liebe Erwachsene, liebe Eltern, würde oder hätte Ihr Sohn/ein Mitglied Ihrer Familie sich so verhalten, wie würden Sie reagieren? Hätten Sie Verständnis für die Träume und Utopien des jungen Mannes, würden Sie ihn seinen Weg gehen lassen, ihn zu verstehen und zu unterstützen suchen? Oder würden Sie eher so empfinden, wie es Jesu Familie getan hat, beschämt, distanziert, kritisch und abweisend gegenüber dem absonderlichen Verwandten?

In Jesu Familie scheint diese Reaktion auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Denn als Jesus gesagt wird, seine Mutter und seine Geschwister seien draußen vor dem Haus und fragten nach ihm, erteilt er ihnen eine schroffe Absage, gibt ihnen unmissverständlich zu verstehen, dass er mit ihnen nicht mehr näher zu tun haben möchte: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ Dann lässt er seine Blicke über die versammelte Runde schweifen und beantwortet seine Frage selbst: „Seht, das sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Dem Ideal einer glücklichen, harmonischen, Ruhe und Geborgenheit vermittelnden Familie versetzt er damit einen gehörigen Schlag. In seiner Familie, so belegen die verschiedenen Andeutungen und Berichte in den Evangelien unzweifelhaft, ist im Gegenteil ganz schön was los gewesen und hat es, so können wir uns unschwer ausmalen, heftige Auseinandersetzungen gegeben.

Ist das nicht ermutigend, ja geradezu befreiend für uns, die wir in unseren Familien auch so manchen Schaff miteinander haben, am so hoffnungsvoll begonnenen Projekt Familie vielleicht ganz gescheitert sind oder uns aus unterschiedlichen Gründen gar nicht so richtig darauf eingelassen haben, dass für Jesus das Heil eben auch nicht in der Familie, in der durch Blutsbande zusammengefügten Verwandtschaft liegt, sondern in den Kreisen von Menschen, mit denen eine innere, eine geistige Übereinstimmung zu spüren und zu erleben ist!?

Das kennen wir aus eigener Erfahrung: Wie viel besser als mit den eigenen Familienangehörigen verstehen wir uns manchmal mit Freundinnen oder Freunden, die wir uns selbst ausgesucht, mit denen wir gemeinsame Interessen, eine übereinstimmende Wellenlänge haben!? Jesus ist es offenbar ebenso ergangen. Ganz und gar freimütig entgrenzt er die engen Bande der Familie, hebt sie geradezu als nicht entscheidend auf und benennt eine ganz andere Gemeinschaft von Menschen als seine Familie, der er sich verbunden und zugehörig fühlt: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Familie ist für Jesus also nicht zuallererst dort, wo Blutsverwandtschaft, Trauschein und Geburtsurkunden sie bestimmen, sondern wo Gottes guter Wille Norm und Maßstab des Handelns ist. Dort, wo jemand für mich da ist, für mich sorgt, mich achtet, mir den Freiraum zur eigenen Entfaltung und Entwicklung gibt, mich fordert und sich mit mir auseinandersetzt, dort ist Vater, Mutter, Bruder, Schwester im Sinne Jesu, dort ist im eigentlichen Sinne Familie Gottes. Wohl dem- und derjenigen, die so eine Familie in der eigenen Verwandtschaft findet! Vielleicht wäre es Jesus auch lieber gewesen, seine Familie hätte ihn unterstützt statt ihn für verrückt zu erklären.

Doch gleich, ob uns ebenso wenig wie Jesus das Glück einer solchen leiblichen Familie beschieden ist oder wir uns eines guten Familienzusammenhaltes erfreuen dürfen – als Christen sind wir zugleich Angehörige einer viel größeren Familie, die im Himmel und auf Erden verbunden ist durch die gemeinsame Wellenlänge des Geistes und Willens Gottes.

Diese Familie Gottes, die Christenheit, ist zwar hier auf Erden auch nicht so ganz intakt, zersplittert in mehrere Gruppen unterschiedlicher Verwandtschaftsverhältnisse, bisweilen gebeutelt durch Vetternwirtschaft und Erbstreitigkeiten, aber doch in aller Buntheit und Vielfältigkeit engstens verwandt mit Jesus. Und wir alle, die wir getauft und mit Jesus verbunden sind, so wie er an Gott zu glauben und entsprechend seinem Beispiel zu leben versuchen, gehören zu dieser großen Familie Gottes, sind einander Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Verwandte ersten Grades von Jesus.

Wie hat es einer einmal vor vielen Jahrhunderten treffend formuliert:

„Christen sind wie Radien eines Kreises. Je näher sie zu Christus kommen, desto näher kommen sie zueinander.“

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
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