Predigt am 08.10.2017 zu Mk 9,17-27 am 17. So.n.Trinitatis mit Jubelkonfirmation u. Taufe

Dies ist die Erzählung einer Wunderheilung mit Aspekten und Erfahrungen, die manche von uns aus ihrem eigenen Leben kennen werden:

Da ist zunächst ein Vater, der sich zutiefst um die Gesundheit und Zukunft seines Sohnes sorgt. Dieser wird, so schildert es der Evangelist, von einem bösen Geist beherrscht, der ihn sprachlos macht und - so würden wir es wohl heute nennen - epileptische Anfälle auslöst. Weit mehr noch als in unserer Zeit war es damals eine unvorstellbare Katastrophe, ein behindertes Kind zu haben. Es gab keine Krankenversicherung, keine Fürsorge und Unterstützung, keine Hilfe und Therapie für den Sohn, keine Aussicht auf ein halbwegs normales Leben. Er würde nie arbeiten und Geld verdienen, weder für sich selbst noch auch einst für seine Eltern sorgen können. Was wird dieser Vater, was werden diese Eltern in ihrer Verzweiflung schon alles unternommen haben, um ihrem Kind zu helfen? Wer von Ihnen Kinder hat, weiß, wie viele Sorgen dazu gehören – völlig unabhängig davon, wie alt sie sind. An dem sprichwörtlichen Satz „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen!“ ist viel Wahres dran. Was werden sich Eltern während des Krieges oder auf der Flucht um ihre Kinder gesorgt haben? Einige von Ihnen sind mitten im Krieg geboren, haben die Grauen dieser Jahre vielleicht als Baby oder Kleinkind miterlebt und Gott sei Dank überlebt. Was werden Ihre Eltern in diesen unerträglichen Zeiten ausgehalten haben? Und später, seit Sie vielleicht selbst Vater oder Mutter geworden sind, tragen Sie umgekehrt Sorge für und um Ihr Kind oder Ihre Kinder. Das kann sein, weil ein Kind krank ist an Leib oder Seele oder weil es einen Weg einschlägt, von dem die lebenserfahrenen Eltern nur zu gut wissen, dass er kein sinnvolles Ziel hat, oder weil der Sprössling in Kreise hineingerät, die ihm nicht gut tun, oder weil der junge Mensch sich selbst im Wege steht und irgendwie seines Lebens nicht froh wird. Viele Gründe, die Eltern im Blick auf ihre Kinder den Schlaf rauben und ihnen graue Haare wachsen lassen können. Auch der Vater in unserem Evangelium wird manch schlaflose Nacht verbracht und sich an jeden nur erreichbaren Strohhalm geklammert haben. Nun sind Jesus und dessen Mitarbeiter seine große Hoffnung. Vielleicht können sie ja helfen, das ersehnte Wunder vollbringen …! Doch sie schaffen es nicht. Die ganze Enttäuschung und Ratlosigkeit spiegelt sich in der knappen Feststellung des Vaters wider: „Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.“ (Mk 9,18)

Auch das kennen gewiss viele von uns: Enttäuschte Hoffnungen, unerfüllt gebliebene Erwartungen, ausgeträumte Träume …! Und bestimmt haben wir es auch schon umgekehrt erlebt, dass wir etwas, das wir uns fest vorgenommen hatten oder andere sich von uns gewünscht haben, nicht umgesetzt, eine Aufgabe oder Herausforderung nicht geschafft haben. Und je nach dem, wie wir veranlagt sind, deprimiert uns das entweder oder motiviert uns umso mehr, es das nächste Mal besser hinzukriegen. Entscheidend dabei ist natürlich auch, wie die anderen auf unser Versagen reagieren – die Eltern oder die Lehrerin, die Ehefrau oder die Freunde, die Kollegen oder der Chef. Die Worte Jesu angesichts des Unvermögens der Jünger sind, zumindest so, wie der Evangelist sie festhält, jedenfalls nicht gerade freundlich und ermutigend:

„O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!“ (Mk 9,19)

Wenn wir dieser Darstellung des Evangelisten Glauben schenken dürfen, fährt Jesus mitten in der Öffentlichkeit, wenig einfühlsam, spürbar ungeduldig und genervt seine Jünger an, kritisiert ihr mangelndes Gottvertrauen und zeigt ihnen dann obendrein noch geradezu demonstrativ, wie es richtig geht. Einerseits unverständlich, doch andererseits auch wieder tröstlich, Jesus von einer sehr menschlichen Seite zu erleben und zu sehen, dass seine Geduld und Menschenfreundlichkeit tatsächlich auch an ihre Grenzen stoßen können und er seinen Unmut unverhohlen zum Ausdruck bringen kann. Wie wunderbar: Er ist Mensch wie wir!

Und kaum dass der kranke Sohn zu ihm gebracht wird, ereilt diesen auch schon ein solch epileptischer Anfall:

Und sogleich, als der Geist Jesus sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. (Mk 9,20)

In der Nähe Jesu spürt der böse Geist, dass es ihm gleich an den Kragen geht, da einer vor ihm steht, der kraftvoller ist als er, so dass er sich aufbäumt und wehrt, seine Macht demonstriert. Und die macht durchaus Eindruck. Als Schülerin habe ich es einmal erlebt, dass unser Lehrer im Treppenhaus auf dem Weg vom Schulhof einen epileptischen Anfall bekam, zu Boden stürzte, sein Kopf, mit dem er wiederholt unkontrolliert auf die harten Steinfliesen schlug, blau anlief, der Körper zuckte, wir hilflos und erschrocken danebenstanden, bis die herbeigerufene Direktorin besonnen eingriff, den Kopf schützend in ihren Händen barg, den Mann und auch uns beruhigte. Das Bild sehe ich noch heute vor mir, obwohl es über vierzig Jahre her ist, erinnere unsere Ohnmacht. Eine solche Krankheit erschreckt, macht nicht nur den Kranken, sondern auch die um ihn herum sprachlos, isoliert ihn aus der Gesellschaft, beherrscht ihn und beraubt ihn vieler Lebensmöglichkeiten. Vielleicht sind Sie selbst oder ein lieber Mensch in Ihrer Nähe ja auch schon mit einer solch machtvollen Erkrankung konfrontiert gewesen, so dass Sie nachempfinden können, wie einem zumute ist, als Angehöriger oder als Betroffener.

Nachdem Jesus seine Freunde jedenfalls recht schroff angefahren hat, wendet er sich zunächst dem Vater zu und fragt ihn, wie ein guter Arzt bei der Anamnese, nach der Krankengeschichte: „Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt?“

In der kurzen Antwort des Vaters „Von Kind auf“ (Mk 9,21) bricht sich die ganze Not und Verzweiflung dieses Vaters Bahn. Im Grunde immer schon ist dieser junge Mann, dessen Alter unerwähnt bleibt, krank, kennen ihn die Eltern, Geschwister und Freunde, wenn er denn überhaupt welche hat, gar nicht anders. Immer wieder einmal in den zurückliegenden Jahren hatte ich behinderte oder schwer kranke Jugendliche im Konfirmandenunterricht und habe dabei eine winzige Ahnung davon bekommen, welch unermessliche Belastung und Sorge das für eine Familie bedeutet. Umso größere Hoffnung setzt der Vater in unserem Evangelium nun auf Jesus: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ (Mk 9,22) Auch auf diese Äußerung, in der Zweifel und Vorbehalte unüberhörbar mitschwingen, reagiert Jesus leicht ungehalten: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk 9,23) Wer glaubt, wer Gott, auch anderen und sich selbst etwas zutraut, kann viel bewirken und bewegen, dem ist mit Gottes Hilfe alles zu vollbringen möglich. Auf diese Feststellung hin schreit der Vater, so als sei er jetzt des langen Diskutierens leid, die beeindruckenden Worte:

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Damit bringt er auf den Punkt, wie es vielen Menschen mit ihrem Gottesglauben geht. Er ist da, und doch auch manchmal nicht, wenn die Fragen und Zweifel überhand nehmen. Nun endlich, nach längerem Gespräch, hilft Jesus tatsächlich, verjagt den bösen Geist und erweckt den Sohn zu neuem Leben, vollbringt, woran seine Jünger scheiterten.

Schon gut und eine tolle Erfahrung, dass, wenn ich etwas nicht gut schaffe und auf die Reihe kriege, ein anderer für mich einspringt, mir die Last der Aufgabe abnimmt und sie vollbringt. Die Jünger jedenfalls wollen verständlicherweise wissen, warum Jesus, doch sie nicht das Wunder bewirken konnten. Jesus verweist sie auf das Gebet: „Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ (Mk 9,29)

Das ist der Schlüssel zum Erfolg, nicht alles aus eigener Kraft vollbringen zu wollen, sondern die göttlichen Energiequellen anzuzapfen und aus ihnen zu schöpfen, selbst nur der Kanal zu sein, durch den Gottes heilende Kraft zu den Menschen fließt. Wie wunderbar, dass wir beten, uns wie einen Kelch dem Himmel öffnen können – in unseren Freudenzeiten, aber auch angesichts von Kummer und Sorgen. Da ist einer, der sich mit uns freut und unsere Last mit uns trägt. Gott sei Dank!

Pfarrerin Heike Schuffenhauer

 
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