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Predigt am 24.12.2011 zur Christmette mit Bildbetrachtung von Beate Heinen

Bildbetrachtung: „Nacht der Lichter“von Beate Heinen (2011)

Wie gut tun uns die Kerzen und Lichter in dieser dunklen Jahreszeit! Einige können es kaum erwarten und beginnen bereits im Laufe des Novembers mit der weihnachtlichen Illumination. Mancherorts scheint geradezu ein Wettkampf entfacht zu sein, wessen Haus und Vorgarten am schönsten und üppigsten erleuchtet ist. Einkaufszentren und Innenstädte sind in ein Lichtermeer gehüllt, das wir oft staunend wie die Kinder betrachten und bewundern. Und mitunter kann es dann geschehen, dass in all dem leuchtenden Glitzer und Flimmer das eigentliche Weihnachtslicht, das „Licht der Welt“, dessen Geburt wir in diesen Tagen feiern, kaum zum Vorschein kommt, sondern geschäftig überstrahlt wird. Wir, die wir zu dieser Christmette gekommen sind, uns inmitten der Heiligen Nacht hier in der Kirche Zeit und Ruhe nehmen, sehnen uns nach diesem anderen, diesem göttlichen Licht, möchten uns ihm zuwenden und seine Strahlen in uns aufnehmen.
Dabei kann uns das diesjährige Weihnachtsbild der Künstlerin Beate Heinen gut tun und helfen. Maria und Josef mit dem Jesuskind, Menschen kommen und zünden an der Kerze, die das Jesuskind in der Hand hält, ihr Licht an und gehen zurück in ihre Welt, die von dem Weihnachtsstern überstrahlt ist
„Nacht der Lichter“, so nennt Beate Heinen ihr Bild. In der Tat ziehen die warmen, strahlenden Lichtpunkte sowie der hell leuchtende, übergroße Weihnachtsstern meinen Blick zuallererst an. Im Kontrast dazu sehe ich im Hintergrund links oben, gegenüber dem strahlenden Stern, die düstere Fabrik, gar ein Atomkraftwerk. Unterhalb des Sterns auf der anderen Seite Häuser, zum Wohnen und Arbeiten, Bürogebäude, Bankentürme – zum Teil ins Wanken geraten und eingestürzt … Erschütterte, ver-rückte Welt, unsere Welt, unsere Themen und Sorgen im zu Ende gehenden Jahr 2011 – Erdbeben und Reaktorkatastrophe in Japan, wachsende Angst vor der Nutzung von Atomkraft, neu aufkeimende Finanzkrise in den Euroländern – mit wenigen Pinselstrichen ins Bild gesetzt!
Und mitten hinein in unsere düstere, unsichere, ihrer vermeintlichen Stabilität und Verlässlichkeit beraubte Welt scheint der große Weihnachtsstern, weist den Menschen wie einst den Heiligen drei Königen den Weg zum göttlichen Kind. Etliche haben sich aufgemacht, ihre gewohnte Welt, wie damals die Hirten, für Momente verlassen, erfüllt von der Sehnsucht nach Wärme und Licht, Halt und Orientierung. Ihre ausgebrannten Kerzen, ihre leeren inneren Akkus, ihre ausgelöschten Herzenshoffnungen bringen sie mit zu dem Kind. Behutsam von Maria gehalten, sitzt dieses auf dem Schoß seiner Mutter, die wiederum fürsorglich von Josefs Hand berührt wird. Ohne Stall und Haus, ungeschützt in der Dunkelheit, sind die drei wie ein ruhender Pol mitten in unserer Welt zugegen, kennen und spüren ihre Angst und Not, Josef mit kräftiger Hand auf seinen Wanderstab gestützt, der hinter dem Kinde himmelwärts aufragend dessen Größe sowie seine Bindung an Himmel und Erde gleichzeitig anzudeuten scheint. Das mit vollem Haar und ernstem Gesichtsausdruck erwachsen wirkende Kind hält, von Maria darin unterstützt, eine Kerze mit hellem Licht in seinen Händen, den Menschen entgegen. Mitten in ihre Dunkelheiten bringt es ein großes Licht, wird selbst zum Licht! Die den Weg zu ihm gesucht und gefunden haben, halten ihm ihre ausgebrannte Seele entgegen, empfangen von ihm neues Licht, neue Hoffnung und Orientierung. Wir sind eingeladen, es ihnen gleich zu tun, uns dem Heiland zuzuwenden, unser Herz in sein Licht zu halten, neu aufzutanken. Die zu ihm kommen, beugen sich zu ihm hinab, finden ihn in den Niederungen tiefster Menschlichkeit.
Das steinerne Eingangsportal der Geburtskirche in Bethlehem ist sehr schmal und niedrig gehalten. Ein Grund mag darin liegen, Tiere am Betreten des Gotteshauses zu hindern. Doch ein tieferer Sinn ist, dass, wer zu dem Kinde will, von seinem hohen Ross herunterkommen, den Kopf beugen, der eigenen Bedürftigkeit inne werden muss, um empfangsbereit zu sein. Nur Kinder passen gut durch die Kirchentür in Bethlehem. Darauf kommt es an, uns wie Kinder von dem göttlichen Kind beschenken zu  lassen und das kostbare Licht anzunehmen. Wer bei dem Kinde war, kehrt erleuchtet zurück, trägt sein Licht weiter in die zerrüttete, unsichere Welt, mitten in den Alltag hinein, wird selbst zum Lichtträger, kann anderen abgeben. Das ist das Wunderbare an diesem Licht, dass es nicht weniger wird, wenn wir es teilen, sondern sich, im Gegenteil, umso mehr ausbreitet und unser Leben erhellt. Dadurch ändern sich nicht schlagartig die Umstände, in denen wir leben, verschwinden nicht augenblicklich die Krisen, die uns beschäftigen oder die Sorgen, die uns bedrücken, doch sie erscheinen in einem anderen Licht, werden in ihrer beängstigenden Dunkelheit angestrahlt von einem großen Hoffnungsschimmer.
Bereits der Prophet Jesaja nährte Jahrhunderte vor Jesu Geburt in notvollen Zeiten des Volkes Israel diese Hoffnung auf das göttliche Licht und Heil mit den verheißungsvollen Worten:
1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!
2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
3 Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. (Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden.)
5 Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, …
17 … Und ich will zu deiner Obrigkeit den Frieden machen und zu deinen Vögten die Gerechtigkeit.
18 Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen.
19 Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage, und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten, sondern der HERR wird dein ewiges Licht und dein Gott wird dein Glanz sein.
20 … und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben.   (Jesaja 60)

In der Heiligen Nacht der Geburt Jesu haben sich diese prophetischen Zusagen in besonderer Weise erfüllt. In dieser Nacht erblickte das „Licht der Welt“ das Licht der Welt!
„Nacht der Lichter“, so nennt Beate Heinen ihr Bild. Und sie selbst schreibt dazu:
„Als Gott an Weihnachten auf dieser Welt in Armut geboren wurde, wollte er einer von uns sein. Er wollte von innen her mitfühlen, was Menschenleben ausmacht. Im Guten wie im Schlimmen. Und damit wollte er für immer sagen: Ich bin bei dir, mein Menschenkind.
Als er vor 2000 Jahren auf dieser Erde umherzog mit seinen Jüngern, hat er vielen geholfen in ihren Nöten, Krankheiten und Gebrechen. Und er hat uns aufgetragen, uns an ihm ein Beispiel zu nehmen, seine Art zu leben fortzusetzen. – Er ist nicht mehr leibhaftig hier, aber in jedem von uns zu finden; mal als Hilfsbedürftiger, mal als Helfer.
In diesem Bild ist die heilige Familie obdachlos in einem Katastrophengebiet. Arm wie alle. Aber doch im Besitz eines großen Schatzes. Das Kind hat eine brennende Kerze, das sich verzehrende Licht der Liebe. Maria, seine Mutter, hilft ihm die Kerze zu halten. Und die Menschen kommen und neigen sich, um an seinem Licht ihre Kerzen zu entzünden, um sich „anstecken“ zu lassen. Mit diesem Licht gehen sie in die Nacht hinaus. Sie bringen denen, die im Finstern ihrer Not und ihrem Elend sitzen, dieses Licht.
Auch der Stern über Bethlehem steht hier hoch über allem. Egal, wo wir sind: das Licht, auch wenn es noch so klein und blass ist, leuchtet über uns.
Ein winzig kleiner Funke. Gottesfunke, Gottes Sohn. In die Welt gekommen, um Flächenbrand zu legen, um anzustecken.
Lodernde Begeisterung und stilles Glühen … Großer Trost in Dunkelheit. Freudenfeuer und Sehnsuchtslicht. Uns gegeben, um weitergetragen zu werden. Liebe, um sie zu schenken. Hoffnung, um sie zu wecken. Trost, um aufzurichten.“
Betend beendet Beate Heinen ihre Betrachtung:
„Lass mich, mein Gott, deinen Auftrag erkennen:
Licht für die anderen zu sein.
Stecke mich an mit deiner Liebe, dass ich meinen Brüdern und Schwestern in der Not beistehe und ein wenig Helligkeit in die vielen Nöte dieser Welt trage.“

 
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Lied nach der Predigt:
Lied:    Gelobet seist du, Jesu Christ            (23)
1. Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren bist
von einer Jungfrau, das ist wahr; des freuet sich der Engel Schar.
Kyrieleis.

2. Des ewgen Vaters einig Kind jetzt man in der Krippen find't;
in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut.
Kyrieleis.

3. Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß;
er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.
Kyrieleis.

4. Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein' neuen Schein;
es leucht' wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.
Kyrieleis.

5. Der Sohn des Vaters, Gott von Art, ein Gast in der Welt hier ward
und führt uns aus dem Jammertal, macht uns zu Erben in seim Saal.
Kyrieleis.

6. Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm
und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.
Kyrieleis.

7. Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an.
Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis.

Text: Str. 1 Medingen um 1380; Str. 2-7 Martin Luther 1524
Melodie: Medingen um 1460, Wittenberg 1524
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Gegen Ende des Gottesdienstes:
Entzünden der Weihnachtskerzen an der (Oster-)Kerze in der Krippe vorne

Pfarrerin Heike Schuffenhauer