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Predigt am 24.12.2009 zur Christmette(mit Bildbetrachtung)

Bildbetrachtung: „Weihnachtsbaum" von Beate Heinen (2009)

Er gehört unverzichtbar zu Weihnachten, steht in jeder Stadt, in jedem größeren Einkaufszentrum, auf öffentlichen Gebäuden, in Gärten und Wohnstuben: der Weihnachtsbaum. Im Glanz seiner Lichter haben viele von uns in den vergangenen Stunden gesessen, gegessen und Bescherung gefeiert. Und auch in keiner Kirche darf der sorgsam geschmückte große Tannenbaum fehlen. Dabei handelt es sich bei ihm ursprünglich um ein heidnisches Symbol und hat mit dem Christentum zunächst gar nichts zu tun! Vor Ausbreitung des christlichen Glaubens in Europa beschworen unsere Ahnen zur Feier der Wintersonnenwende mit grünen Zweigen den Sommer - und grün waren zu dieser Zeit naturgemäß nur Tannen. Später christlicherseits als „heidnische Relikte" verteufelt, vermochte die Kirche die Liebe zur winterlichen Tanne nicht auszurotten, zumal das Weihnachtsfest ja zeitlich genau mit der Wintersonnenwende der Ahnen zusammenfiel.

Zunächst außerhalb des kirchlichen Zusammenhangs, eingebettet in die Festbräuche der Zünfte, wird der Weihnachtsbaum wohl erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt. Von hier aus fand der Christbaum - wie er im süddeutschen Raum genannt wird - zunächst seine Verbreitung an den europäischen Königshöfen und beim Adel. Um 1800 hielt er Einzug in die bürgerlichen Wohnstuben der Oberschicht. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wird der Weihnachtsbaum in allen Kreisen der Bevölkerung zu dem Symbol der Advents- und Weihnachtszeit schlechthin. Dabei ging die Verbreitung regional sehr unterschiedlich vonstatten. In protestantischen Regionen zeigte man sich dem Weihnachtsbaum als Gegensymbol zur zunächst eher katholischen Krippe wesentlich aufgeschlossener als in vorwiegend katholischen Gebieten. Auswanderer des 18. Jahrhunderts nahmen den Brauch mit in die USA, wo seit 1891 ein „öffentlicher" Christbaum in Washington vor dem Weißen Haus aufgestellt wird. Die Popularisierung des Weihnachtsbaums als Inbegriff der Familienweihnacht wurde schließlich entscheidend von den beiden Weltkriegen gefördert. Durch die Aufstellung von Weihnachtsbäumen in den Schützengräben und Lazaretten lernten Soldaten aus allen Teilen Europas den Brauch kennen und trugen ihn nach Hause.

Die heutige Popularität des Weihnachtsbaumes spiegelt sich in seinem Facettenreichtum wider. Ob vergoldeter Christbaum-schmuck, zusammenklappbare Plastikimitation oder Tannenbaumduft aus der Spraydose - die Industrie kommt allen Wünschen und Bedürfnissen ihrer Konsumenten nach.

Einen Weihnachtsbaum gänzlich anderer Art zeigt das diesjährige Weihnachtsbild der Künstlerin Beate Heinen, von der wir in der zurückliegenden Adventszeit 24 Werke hier in der Kirche in einer Ausstellung, die im Beisein von Frau Heinen eröffnet wurde, gezeigt haben. Auch das Original ihres aktuellen Weihnachtsbildes war dabei. Seit Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts malt Beate Heinen jeweils ein Bild zu Weihnachten, in dem sie in beeindruckender Weise den Bogen schlägt zwischen dem einstigen Geschehen der Geburt Jesu und unserer heutigen gegenwärtigen Welt - bisweilen provozierend und zum selbstkritischen Nachdenken herausfordernd, vor allem aber Mut machend, Licht und Wärme verströmend, heilbringend. Keiner zeitgenössischen Künslerin, keinem Künstler unserer Tage gelingt dies m.E. so treffend und ansprechend wie Beate Heinen, so dass ich bereits seit Anfang der 90er Jahre jeweils ein Bild von ihr in der Christmette zeige und meditiere - nach unserer wunderbaren Ausstellung und der persönlichen Begegnung mit ihr nun erst recht! Heute also ihr diesjähriges Bild „Weihnachtsbaum".

                                                                 

Ihr Baum ist keine Tanne, trägt keine grünen Zweige, ist nicht wohlgeformt und gleichmäßig gewachsen wie die Sonderzüchtungen in unseren Wohnzimmern, sondern schief und uneben, knorrig, karg ohne jegliches Grün. Ihr Weihnachtsbaum trägt keine glänzenden Kugeln und Kerzen, Sterne und Lametta, sondern nur sehr wenig und außergewöhnlichen Schmuck. Er steht nicht geschützt in der warmen Stube oder im belebten Trubel eines Einkaufszentrums, sondern scheinbar einsam vor den Toren einer kleinen Stadt. Doch schauen Sie zunächst selbst:

  Stille / Orgelmeditation

                                                     Gemaelde - Weihnachtsbaum

Beate Heinen schreibt selbst zu ihrem Bild folgende Gedanken:

Weihnachtsbaum

Uralter Baum, Winterbaum.

Keine Blätter, keine Blüten, keine Früchte.

Schief gewachsen, greift mit knorrigen Armen

und Knochenfingern in alle Richtungen.

Nirgendwo Halt.

Stumm ducken sich verängstigte Häuser.

Schutz geben sie einander nicht.

Bald wird der Baum fallen. Das Unglück droht. -

Wenn nicht, wenn nicht die Frau da wäre.

Die neue Eva, Miriam, das kleine israelische Mädchen.

Ohne es zu wissen gibt es

der Geschichte eine total andere Richtung:

mit diesem einfachen Ja zur Frage des Engels.

Der Baum ist nicht mehr der Todesbringer.

Die Schlange ist besiegt.

Ein Stern erscheint, heller als die Sonne.

Maria pflückt, wie eine Frucht,

das göttliche Kind vom Baum des Lebens. (soweit B.H.)

Gegenbild, Positiv zum Negativ des Sündenfalls am Anfang der Bibel: Eva, die auf Geheiß der Schlange zum verbotenen Apfel greift, das göttliche Gebot, nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, übertritt, ihre Freiheit gegen Gottes Willen einsetzt, ihren Mann ebenso dazu verführt und die Schuld zuguterletzt auf die Schlange schiebt, mit ihnen allen das Paradies und die unmittelbare Nähe Gottes verliert. Hier Maria, die in Gottes Plan mit ihr, Mutter eines besonderen Kindes zu werden, einwilligt, dieses geradezu ehrfürchtig mit behutsamen Händen in Empfang nimmt, die verführerische, todbringende Schlange mit Füßen tritt, ihrer Macht und Einflussnahme beraubt. Das Kind, die Arme ausgebreitet wie später am Kreuz, die Füße bereit die Wege zu gehen, die vor ihm liegen, liebevoll und dankbar auf die junge Mutter blickend, selbst Helligkeit ausstrahlend und zugleich eingebettet und in Licht gehüllt von dem großen siebenzackigen Stern, der seine Strahlen in alle Richtungen aussendet und die Finsternis hoffnungsvoll durchdringt. Oberhalb Marias im Baum die Taube, Symbol des Heiligen Geistes, der das Wunder möglich machte, bis heute dabei mitwirkt, dass Menschen diesen Heiland kennenlernen, in Berührung mit ihm kommen und heil werden. Das Ganze vor dem Hintergrund eines strahlenden Blaus, Farbe des Himmels, an dem Stern und Sonne zugleich zu sehen sind, Farbe des Göttlichen, umrahmt und zusammengehalten von einem roten Band, der Farbe der Liebe.

Maria, das Kind, der Heilige Geist - Trinität der besonderen Art! Maria, die, den Ehering tragend (?), das Kind erdet, menschlich macht, auf dass der Heiland Himmel und Erde, Gott und Mensch auf ewig untrennbar miteinander verbinde, himmlisches Licht und Leben die irdische Finsternis durchdringe und erhelle - aus göttlicher Liebe zu uns! Wir sind gehalten von einem Band der Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch wurde für uns - Gott sei Dank!

Betend beschließt Beate Heinen ihre Bildbetrachtung:

„Du Gott, der uns erschienen ist als Kind, da, wo niemand Dich vermutete: In einer Futterkrippe aus Holz eines Baumes gefertigt. Prophezeit als Spross aus der Wurzel Jesse seit uralten Zeiten. Am Ende erhöht am Kreuz: Das Holz getragen, am Holz vollendet, was du vor aller Zeit aus Liebe zu uns begonnen."

Pfarrerin Heike Schuffenhauer